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Universität - Seminar für Sprache und Kultur Japans - NOAG

Lutz GELDSETZER/HONG Han-ding: Grundlagen der chinesischen Philosophie. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1998. ISBN 3-15-009689-8. DM 15,00.

Auch neuere Werke über die chinesische Geistesgeschichte organisieren ihren Inhalt meist noch immer wie zu Beginn dieses Jahrhunderts. In Kurzporträts stellen sie einzelne Denker - relativ beziehungslos - in chronologischer Reihenfolge nebeneinander und versuchen dabei, charakteristische Lehraussagen philosophischen Grundpositionen zuzuordnen. Die besten dieser Darstellungen fangen bei Konfuzius an und enden bei Mo Zi (s. Hubert SCHLEICHERT: Klassische chinesische Philosophie: Eine Einführung. Frankfurt a.M.: Klostermann 1990); andere sind zwar oberflächlicher, erwähnen aber sogar noch Feng Youlan und Xiong Shili (s. Ernst R. SANDVOSS: Geschichte der Philosophie Bd. 1: Indien, China, Griechenland, Rom. München: dtv 1989, S. 113-220). Gestützt auf Übersetzungen und weiterführende Arbeiten der europäischsprachigen Sekundärliteratur versuchen diese Studien, die Lehrgebäude verschiedener Denker zusammenzufassen und skizzenhaft wiederzugeben. In ihrem neuen Buch beschreiten Lutz Geldsetzer und Hong Han-ding dagegen einen ganz anderen Weg, der sich von allen bisherigen Philosophiegeschichten im deutschsprachigen Raum deutlich unterscheidet.

Da ist zunächst der direkte Bezug auf die chinesischen Quellen zu nennen, die nicht einfach nur nach Legge oder Wilhelm zitiert, sondern direkt aus dem Chinesischen neu übersetzt werden. Um jenen Lesern die Lektüre zu erleichtern, die nicht die chinesischen Originale eigenständig bearbeiten können, haben die beiden Autoren alle zentralen Begriffe durchgehend mit Übersetzung und Pinyin-Transkription in den Haupttext aufgenommen. Jene Leser, denen die chinesischsprachigen Ausgangstexte keine Schwierigkeiten bereiten, werden zu eigenständigem Nachforschen angeregt: Da die Quellentexte, auf die sich die Darstellung des Haupttextes bezieht, im Anhang vollständig abgedruckt sind, können sich Spezialisten an den Originalen ein eigenes Bild von den im Zusammenhang entwickelten Überlegungen machen. Insgesamt zeichnet sich dieses Buch durch eine transparente Argumentationsführung aus, die sich selbst bei schwierigen Themenstellungen einer sehr unprätentiösen Diktion bedient.

Auf die inhaltliche Organisation des Werkes ist ausdrücklich hinzuweisen, da sie ein gelungenes Beispiel für die interdisziplinäre Zusammenarbeit zweier Wissenschaftler aus unterschiedlichen Kulturkreisen ist. Die im Anhang aufgeführten Quellen sind nämlich kein bloßes Schmuckwerk, sondern integraler Bestandteil der Gesamtkonzeption des Buches. Im Unterschied zu vergleichbaren Publikationen anderer Autoren hat das Werk von Geldsetzer und Hong seinen Ursprung nicht in der Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur, sondern in der souveränen Auswertung der originalsprachlichen Ausgangstexte. Die Grundlagen des Buches gehen auf Lehrveranstaltungen zurück, die Professor Hong an der Akademie für Geisteswissenschaften in Beijing vorbereitet und als Gastprofessor während seines Aufenthalt an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf gehalten hat. Hong Han-ding wurde den deutschen Lesern bereits Mitte der achtziger Jahre durch seine Mitarbeit an dem Nachschlagewerk Chinesisch-Deutsches Lexikon der Philosophie (der erste Teilband erschien 1986 beim Scientia Verlag Aalen) bekannt, das er zusammen mit Lutz Geldsetzer herausgegeben hat. In diesem Lexikon, das im wesentlichen eine Übersetzung ausgewählter Einträge aus dem Cihai ist und von dem inzwischen bereits drei Bände erschienen sind, haben Geldsetzer und Hong die fruchtbare Zusammenarbeit erprobt, die sie zur Abfassung der vorliegenden Publikation befähigte. In ihrem neuen Buch eröffnen die beiden Autoren westlichen Lesern ein Verständnis für die chinesische Philosophie, indem sie chinesische Antworten auf philosophische Fragen erläutern, die auch aus der westlichen Tradition bekannt sind. Bei dem Versuch, in fremde Denkmuster einzuführen, überzeugt die Darstellung des Werkes gerade durch ihre bisweilen kontrastive Gegenüberstellung verschiedener Geistestraditionen, die Trennendes und Verbindendes genau benennt.

Nicht nur die Materialgrundlage, auch die Aufteilung des Inhalts unterscheidet diese Veröffentlichung wohltuend von anderen Publikationen zur gleichen Themenstellung. Die Autoren versuchen nicht, das Gesamtgebiet der chinesischen Philosophie vorzustellen; auch liegt ihnen nicht an einer grundrißartigen Darstellung einzelner Denksysteme chinesischer Philosophen. Was Geldsetzer und Hong statt dessen entwickelt haben, ist eine konzentrierte Darlegung grundsätzlicher Fragestellungen, mit denen sich chinesische Denker beschäftigt haben. Einzelne Problembereiche werden in separaten, sich aber gegenseitig ergänzenden und erläuternden Themenkapiteln näher untersucht. Da sich die Autoren aus Raumgründen nur auf die jeweiligen Aspekte konzentrieren können, die unzweifelhaft die chinesische Tradition am nachdrücklichsten befruchtet haben, liegt der Schwerpunkt der angesprochenen Themenstellungen bei Systemen, die von Vertretern konfuzianischer Schulen entwickelt wurden. Neben Konfuzius, Meng Zi und Xun Zi sind dies in erster Linie Zhu Xi und Cheng Yi; an geeigneter Stelle finden sich aber auch Verweise auf Lu Xiangshan, Wang Yangming und Wang Fuzhi. Als wichtigsten Widerpart zu konfuzianischen Lehren führen Geldsetzer und Hong wiederholt in Positionen ein, die aus den Texten Laozi und Zhuangzi stammen.

Schon im ersten Kapitel ("Die Idee des Philosophierens in China", S. 15-49) weisen die Autoren auf einen entscheidenden Unterschied zwischen der abendländischen und der chinesischen Philosophie hin, der für das Verständnis chinesischer Denker unverzichtbar ist. Sie machen darauf aufmerksam, daß es chinesischen - im Gegensatz zu den meisten abendländischen - Denkern nicht um die theoretische Beschreibung abstrahierbarer Naturgesetze oder abstrakter Grundprinzipien, sondern vorwiegend um die praktische Durchsetzung des Guten in der menschlichen Gesellschaft geht. Um die als richtig erkannten Prinzipien durchzusetzen, richteten sich die Philosophen in China mit ihren Werken direkt an die Mächtigen. Der hieraus resultierende Selbstanspruch, mit den eigenen Theorien die Regentschaft von Herrschern zu beeinflussen, ist in dieser Form im Abendland selten so deutlich in Erscheinung getreten - in der abendländischen Tradition sind Platons Politeia oder Nomoi mit ihrer eindeutigen Bezugnahme auf reale politische Konstellationen eher Ausnahmeerscheinungen geblieben.

Im zweiten und dritten Kapitel versuchen die Autoren in Grundthemen (S. 51-127) und in fundamentale Denkweisen chinesischer Philosophen einzuführen (S. 131-170). Durch den Entschluß der Autoren, zentrale Motive zu erklären, die über Jahrhunderte hinweg immer wieder die Diskussion beherrscht haben, gewinnt der Leser einen guten Überblick über die Grundlagen und Entwicklungslinien der philosophischen Auseinandersetzung. Bemerkenswert hierbei ist, daß in diesem Buch selbst schwierige Positionen mit rationaler Sachlichkeit beschrieben werden, die bei anderen Autoren Ausgangspunkt exaltierter Spekulationen sind. So sind die Passagen über Laozi, Zhuangzi und Sunzi bingfa (S. 103-131) in einer erfrischenden Unvoreingenommenheit gehalten, die sich in deutschsprachigen Publikationen selten finden läßt.

Das Herzstück des vierten Kapitels ("Die hermeneutischen Grundlagen der chinesischen Philosophie", S. 171-245 ) ist eine Auseinandersetzung mit dem Yijing. Geldsetzer und Hong erschließen hierbei ein sehr schwieriges Werk, das von vielen Philosophiehistorikern wegen seiner okkulten Nebenbedeutungen von der Betrachtung als philosophisches System ausgeschlossen wird. Gestützt auf die Beschreibungsmodi der Logik sagen die beiden Autoren über das Yijing alles, was man vernünftig sagen kann und muß. Diese Einführung in das Yijing erwähnt Mawangdui-Textfunde ebenso wie die spekulative Exegese der chinesischen Tradition und die verschiedenen Deutungsmuster, die sich aus einer analytischen Auseinandersetzung mit dem textus receptus ergeben können. Es gibt nur wenige deutschsprachige Werke, die Anfängern zur ersten Annäherung an das Yijing ohne Einschränkung empfohlen werden können - zweifellos wird in Zukunft das Buch von Geldsetzer und Hong dazu gehören. In diesem Zusammenhang verdienen auch die grundsätzlichen Bemerkungen zur chinesischen Klassikerexegese Erwähnung, die in diesem Kapitel neben Hinweisen auf die Übermittlung, Pflege und Präsentation von Büchern wesentlich zum Verständnis der chinesischen Buchkultur beitragen. Allgemeine Überlegungen zur chinesischen Schrift als Medium des gedanklichen Ausdrucks runden das Bild der chinesischen Gelehrtenkultur ab, das an dieser Stelle entworfen wird.

Zum Abschluß des Bandes findet sich neben einem Personen- und Sachregister auch noch ein sorgfältig zusammengestelltes Literaturverzeichnis, das die wichtigsten Bibliographien, Nachschlagewerke, Textsammlungen und Philosophiegeschichten nachweist. Der deutsche Leser wird zwar einige Titel schmerzlich vermissen (z.B. Wilmar Möglings sehr gelungene Übersetzung des vollständigen Han Feizi, die 1994 unter dem Titel Die Kunst der Staatsführung in Leipzig bei Kiepenheuer erschienen ist), insgesamt ist die Auswahl der Literaturangaben aber beachtlich.

Natürlich wird es auch kritische Einwände gegen diese Publikation geben. So ist zu erwarten, daß bei den - wenigen - Stellen, an denen im Buch Übersetzungen eingeführt werden, die schlicht falsch sind, Sinologen nicht an Kritik sparen werden. Beispielsweise bleibt es unbegreiflich, warum eine entscheidende Stelle aus Laozi 80, in der die Menschen zur Rückbesinnung auf das Schreiben mit Quippus aufgefordert werden, als eine Weisung zum "Knoten (ins Taschentuch)" verstanden wird (S. 125f.). Auch erscheint es bedauerlich, daß einzelne Titel aus dem Literaturverzeichnis offenkundig nur ungenügend rezipiert wurden. Wie ist es sonst zu erklären, daß Michael Loewes Standardwerk Early Chinese Texts (Berkeley, Ca. 1993) zwar zitiert, der Titel des darin von William G. Boltz eingehend behandelten Werkes Shuowen jiezi (vgl. LOEWE, S. 431) aber noch immer unzutreffend übersetzt wird (GELDSETZER/HONG, a. a. O., S. 54). Auch wird es Daoismusforschern Unbehagen bereiten, wenn sie in der Bibliographie A.C. GRAHAMS Disputers of the Tao (La Salle, Ill. 1989) finden, im gesamten Buch aber von Lao Zi als Autoren des Daode jing lesen, als handele es sich bei ihm um eine historisch sicher verbürgte Gestalt - obwohl Graham in seiner Studie auf die Probleme hingewiesen hat, die bei der Bestimmung dieser nahezu legendären Gestalt bestehen (GRAHAM, S. 215-219).

Gewiß handelt es sich bei solcherlei Einwänden aber nur um marginale Kritikpunkte, durch die das Verdienst, das die beiden Autoren mit ihrer Publikation erworben haben, keineswegs geschmälert wird. Geldsetzer und Hong haben ein ganz vorbildliches Einführungswerk verfaßt, das großes Lesevergnügen bereitet und dessen Kaufpreis im übrigen sehr moderat gestaltet ist. Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt ist dieses sehr lehrreiche Werk gegenwärtig der beste Wegweiser zu einer ersten Kontaktaufnahme mit der chinesischen Philosophie und kann neben Studienanfängern der Sinologie auch Philosophen mit einem Interesse für die chinesische Kultur nachdrücklich empfohlen werden. Philosophisch interessierten Lesern, die bislang zu Recht keinen Gefallen an den esoterisch anmutenden Publikationen finden konnten, die in den letzten Jahren unter dem Deckmantel der "chinesischen Philosophie" allen nur denkbaren Exotismus feilboten, werden in dem neuen Band eine empfindlich vermißte Alternative finden.

Christoph Kaderas, Berlin


Der Geschäftsführende Direktor des Seminars für Sprache und Kultur Japans, 9. September 1999. Impressum.

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