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Universität - Seminar für Sprache und Kultur Japans - NOAG

Shaoping GAN: Die chinesische Philosophie: die wichtigsten Philosophen, Werke, Schulen und Begriffe.
Darmstadt: Primus Verlag 1997. XII, 137 S. ISBN 3-89678-056-5. DM 24,80.

Das kleine Buch von Shaoping Gan kann nicht den Anspruch erheben, für ein akademisches Publikum verfaßt zu sein. Dies tut es allerdings auch nicht. Alles was der Verfasser möchte, ist, "die von den Chinesen im Leben praktizierte chinesische Philosophie so deutlich aufzuzeigen, daß der Leser sofort das Wesentliche der chinesischen Philosophie erfassen kann" (S. XI). Dieses Ziel verfolgt Gan auf eine sehr chinesische Art und Weise, deren Stärke gleichzeitig auch ihre Schwäche ist.

Man muß heutzutage durchaus kein Sinologe sein, um, gestützt auf die Erkenntnisse der neueren und neuesten sinologischen Sekundärliteratur, bedeutende Einführungen zur chinesischen Philosophie verfassen zu können. So stammen beispielsweise die besten Einführungswerke zu diesem Thema von gestandenen Philosophiehistorikern, deren Interesse an China bemerkenswerte Beiträge hervorgebracht hat. (An dieser Stelle wäre vor allem auf Karel VAN DER LEEUVs Het Chinese denken: Geschiedenis van de Chinese filosofie in hoofdlijnen. Amsterdam: J. Boom 1994, aber auch auf Hubert SCHLEICHERTs Klassische chinesische Philosophie: eine Einführung. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann 1990, hinzuweisen.) Gan geht aber ganz anders vor, indem er die Sekundärliteratur, die etwa Sinologen zur Geschichte der chinesischen Philosophie vorgelegt haben, völlig vernachlässigt. In seinem Buch findet sich nicht ein einziger Hinweis auf eine westliche Arbeit. Statt dessen weist der Anhang verschiedene chinesischsprachige Philosophiegeschichten nach, gemessen an der Zahl der Zitate und Verweise, rekurriert Shaoping Gan allerdings nahezu ausschließlich auf das "Große Wörterbuch der Philosophie" (Zhexue dacidian. Shanghai 1984) von YAN Beiming. Werden Textstellen aus den chinesischen Klassikern zitiert, greift Gan dann vornehmlich auf die Wilhelmschen Übersetzungen aus den zwanziger Jahren zurück.

Niemand darf also enttäuscht sein, wenn er in einem Buch, das auf solch einer Arbeitsgrundlage entstanden ist, vieles vergeblich sucht, was er in der anerkannten Fachliteratur auf Anhieb findet. So gibt es weder Hinweise zur Textkritik und Entstehungsgeschichte der besprochenen Werke, noch verläßliche Anmerkungen zur Verfasserschaft der besprochenen Schriften. Mythische Gestalten, über deren tatsächliche Existenz nichts ausgesagt werden kann, werden als historisch verbürgte Buchautoren präsentiert (vgl. die Beschreibungen von Fuxi (trad. 2953 v. Chr.) als einen der Verfasser des Yijing, S. 35). Der nicht näher hinterfragten Tradition folgend, wird das Yijing als ein Werk vorgestellt, "mit dem die Gunst oder Ungunst des Schicksals des Menschen aussagbar ist" (S. 34) - wohlgemerkt, Gan schreibt "ist", nicht "sein soll". Abgesehen von einigen Bemerkungen zum Buddhismus (S. 100-108) reduziert sich die im Werktitel angekündigte "chinesische Philosophie" bei näherer Betrachtung auf die Darstellung einiger Aspekte der konfuzianischen Lehre sowie auf die Vorstellung einzelner Theoreme, die mit den Texten Daodejing und Zhuangzi assoziiert werden. Die Darstellungsweise, in der diese Aspekte vermittelt werden, machen alle Vorzüge und Nachteile dieses Buches offensichtlich: Das Buch ist tatsächlich eine authentische Wiedergabe dessen, was sich auch in manchen chinesischen Einführungswerken hierzu finden läßt.

Das Werk ist sehr chinesisch insofern, als es durchweg mit Zitaten durchsetzt ist, die weitgehend unkommentiert aus ihrem Zusammenhang herausgelöst und sehr ungezwungen in den Argumentationsfluß des Verfassers eingebunden werden. Dabei vertragen sich einige Grundannahmen Gan Shaopings natürlich überhaupt nicht mit den Erkenntnissen der modernen Sinologie. Beispielsweise ist unter Sinologen spätestens seit den sechziger Jahren jeder in Mißkredit geraten, der noch immer das Wort "Daoismus" nachlässig mit den Texten Daodejing und Zhuangzi gleichsetzt. (Gan macht es sogar noch eine Spur schlimmer, wenn er fortwährend von Lao Zi und Zhuang Zi als den tatsächlichen Autoren dieser sehr disparaten Texte spricht, deren verschiedenen Werkschichten und Verfasserschaften zahllose Male unzweifelhaft bewiesen sind.) Spätestens nachdem Kristofer SCHIPPERs Klassiker Le corps taoïste (Paris: Librairie Arthème Fayard 1982) auch in einer englischen Übersetzung vorliegt (Berkeley: Univ. of California Pr. 1993) und damit noch größeren Kreisen bekannt geworden ist, wäre es keinem Sinologen mehr zu verzeihen, so bedenkenlos diese Art längst überholter Fehleinschätzungen zu perpetuieren. Wer in deutscher Sprache etwas über den Daoismus in seiner Gesamtheit sucht, greift daher besser auf die Übersetzung von Isabelle ROBINETs Histoire du taoïsme (Geschichte des Taoismus. München: Diederichs 1995) zurück.

Dennoch ist dem Werk Shaoping Gans nicht völlig das Verdienst abzusprechen, eine allgemeinverständliche Einführung in einige Grundaspekte der chinesischen Philosophie gegeben zu haben. Für die Leser, die sich nicht mit der Fachliteratur auseinandersetzen können oder möchten, ist dieses Werk eine willkommene Alternative zu der Masse jener Bücher, die in Buchhandlungen als Philosophiebücher angeboten werden, in Wirklichkeit aber eher in die Esoterikabteilung gehören. Für Sinologiestudenten bietet dieser schmale Band (und dies ist seine größte Stärke) überdies charakteristisches Anschauungsmaterial, wie in der Volksrepublik mitunter Philosophiegeschichte betrieben wird. An vielen Stellen lassen sich mit Gans Werk einige Eigentümlichkeiten aufzeigen, denen Studenten nach dem Grundstudium in chinesischsprachigen Texten auf Schritt und Tritt begegnen können. Beispielsweise läßt sich an diesem Buch zeigen, wie chinesische Autoren ihre Argumentation aus Zitaten konstruieren, denen als Quellenangabe lediglich ein Verfassername oder Werktitel zugeordnet wird (vgl. z. B. S. X; 19-20; 51; 104-105), der aber überhaupt nicht bibliographisch eindeutig faßbar ist. Auch werden die gleichen Zitatfragmente manchmal als Belege für ganz unterschiedliche Argumente ins Feld geführt. So wird ein berühmt-berüchtigtes Zitat Cheng Yis, mit dem sich dieser gegen die "große ethische Verfehlung" der Wiederverheiratung von Witwen ausspricht ("An Hunger zu sterben, das ist sehr gering zu achten; aber die Tugend zu verlieren, das ist sehr schwerwiegend"), einmal als "absurde These" (S. 61) abqualifiziert. Ein anderes Mal, nur wenige Seiten zuvor, war genau dasselbe Zitat aber noch als ein Hinweis auf die charakterstarke Integrität einer moralisch lauteren Persönlichkeit angeführt. Dort wird das Zitat so zusammengefaßt: "Nur durch Begierdelosigkeit und innere Ruhe läßt sich das höchste Ideal der Ethik erreichen" (S. 24).

Typisch Chinesisch ist auch die politische Absicherung einiger Sprachregelungen, die im Buch zur Beschreibung historischer Sachverhalte verwandt werden. Hier scheint dem Autor ein Verweis auf die Konformität mit der offiziellen regierungsamtlichen Geschichtsschreibung unverzichtbar zu sein (vgl. "Nach der staatlichen geschichtswissenschaftlichen Auffassung der VR China", S. 114 u. 115). Dies zeigt sich auch bei der übertriebenen Lobpreisung Chinas als einer völlig "friedlichen" Kulturnation. Der unter "Zeng He" (einer der vielen Transkriptionsfehler: gemeint ist Zheng He (1371-1433)) forcierte chinesische Fernhandel der Ming-Zeit wird so beschrieben: "Die Tat des Zeng He demonstriert den Geist der chinesischen Kultur. Selbst wenn die Chinesen andere Länder reich und zivilisiert gemacht hatten, wollten sie doch nicht diese Länder gewaltsam in Besitz nehmen und beherrschen" (S. 125). Jeder, der sich auch nur oberflächlich mit der Geschichte Chinas vertraut gemacht hat, weiß natürlich, daß diese Behauptung angesichts der zeitweise sehr aggressiven Expansionspolitik des chinesischen Imperiums einfach unhaltbar ist - nicht nur Uiguren, Mongolen und Tibeter bewerten die "friedfertige" Haltung der Chinesen sicher ganz anders als Gan Shaoping.

Trotz aller Kritik wäre es aber wohl ungerecht, dieses Werk an Maßstäben zu messen, die zu erfüllen es gar nicht vorgibt. Gan schreibt weder für Sinologen noch für Philosophen, sondern für Leser, die keinerlei Vorkenntnisse haben. Seine Darstellung ist unkompliziert und in einer allgemeinverständlichen Diktion gehalten. Zudem wird den Lesern durch ein zuverlässiges Personen- und Sachregister in Verbindung mit einer Zeittafel ein müheloser Zugang zum Inhalt des Buches eröffnet.

Christoph Kaderas, Berlin


Der Geschäftsführende Direktor des Seminars für Sprache und Kultur Japans, 8. September 1998 Impressum.

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