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FORSCHUNGSARBEIT

FACHWISSEN UND ALLGEMEINWISSEN IM CHINA DER TANG-ZEIT: 
DIE „ENTSCHEIDUNGEN“ (PAN) DES BO JUYI (772–846)

Zwischen 2000–2002 habe ich unter Leitung von Prof. Dr. Reinhard Emmerich (Universität Münster) an einem DFG-Projekt teilgenommen. Die Ergebnisse meiner Beschäftigung werden in den folgen Abschnitten kurz zusammengefaßt.
 

VORBEMERKUNG

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INHALTSÜBERSICHT

  1. EINFÜHRUNG
  2. QUELLENLAGE
  3. STAND DER FORSCHUNG
  4. BESTIMMUNG DES GELTUNGSBEREICHS
  5. FUNKTION, FORM UND INHALT DER PAN
  6. SPUREN ZEITGENÖSSISCHER REZEPTION
  7. JURISTISCHE HINTERGRÜNDE DER ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
  8. PERSPEKTIVEN
  9. ZWISCHENERGEBNISSE
  10. ABBRUCH DER MITARBEIT
  11. ANMERKUNGEN

 

 

 

 

 

ZIELSETZUNG DER FORSCHUNGSARBEIT

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Die KlÄrung der Frage, welche Bildungsinhalte das Handeln der chinesischen Verwaltungsbürokratie bei der praktischen Dienstführung tatsächlich geleitet hat, ist ein wesentlicher Schlüssel für das Verständnis des alten China. Um die Handlungen und Entscheidungen der „durchschnittlichen“ oder „einfachen“ Beamten zu verstehen, sind Einblicke in deren Wissensgrundlagen unverzichtbare Voraussetzung. Die Frage nach dem Fachwissen und der Allgemeinbildung eines Regierungsbeamten der Tang-Zeit (618–907) zielt dabei auf ein Verständnis für den kollektiven Vorstellungshorizont der damaligen Intellektuellen. Ziel dieses Projekts war die Analyse ausgewählter Quellentexte, die im Kontext der Auswahlprüfungen für die Beamtenlaufbahn entstanden sind, und in denen Vertreter der Verwaltungsbürokratie ihre Allgemeinbildung unter Beweis stellen mußten. Das grundlegend neue des Projekts lag in der systematischen Untersuchung ausgewählter Prüfungstexte als „missing link“ für die Rekonstruktion des Allgemeinwissens der Examenskandidaten.

 

Das Handeln und Denken Tang-zeitlicher Beamter läßt sich nur aus Quellen rekonstruieren, die etwas von der einheitlich konzipierten Weltorientierung dieser sozialen Gruppe erkennen lassen. Die Wirkung des Konfuzianismus auf die alltäglichen Regierungsbeamten läßt sich an Textzeugnissen der offiziellen Historiographie nur bedingt rekonstruieren, da in diesem Quellenmaterial hauptsächlich Ereignisse von nationaler Bedeutung aufgezeichnet sind; Schwerpunkt der traditionellen chinesischen Historiographie war die Darstellung dynastischer Machtentfaltung und persönlicher Verdienste herausragender Persönlichkeiten, deren mustergültiges (oder besonders kritikwürdiges) Auftreten im Amt der Nachwelt Vorbild (oder Mahnung) sein sollte. Alltägliche Routinearbeiten der Verwaltungsbürokratie werden in den Standardwerken der chinesischen Geschichtsschreibung aber ebenso selten beschrieben, wie es auch kaum direkte Hinweise auf das Allgemeinwissen der dienstfürenden Regierungsbeamten gibt.

 

Für die Tang-Zeit bieten Dokumente aus einem speziellen Teilbereich des Prüfungswesens das wichtigste Quellenmaterial zur Annäherung an die oben skizzierte Fragestellung. Die uns erhaltenen Fragen und Antworten des als „Entscheidungen“ bezeichneten Prüfungstyps bieten der Forschung umfangreiches Analysematerial zur Rekonstruktion geltender Denkweisen und Handlungsmuster der Tang-Zeit. Überdies läßt sich an den Prüfungsfragen ablesen, für welche konkreten Aufgaben der Verwaltungspraxis konfuzianisch gebildete Beamte Kompetenz beweisen mußten, und wie ihnen ihre Allgemeinbildung zur Lösung praktischer Probleme hilfreich sein konnte. Die singuläre Bedeutung dieser Quellen wurde von der japanischen Sinologie wiederholt hervorgehoben, von der westlichen Forschung hingegen aber weitgehend verkannt. Da es zu dieser Themenstellung noch keine Forschungsbeiträge in westlichen Sprachen gibt, versprach das Forschungsvorhaben etablierte Auffassungen zum Thema „Fachwissen und Allgemeinbildung“ in der Tang-Zeit substanziell zu erweitern.

 

Die im Mittelpunkt des Projekts stehende Sammlung von Entscheidungen des berühmten Dichters und Staatsmannes Bo Juyi galt schon kurz nach ihrem Erscheinen als mustergültige Vollendung dieses Genres, die auf dem Buchmarkt bei Zeitgenossen des Bo Juyi reißenden Absatz fand. Die an dieser Sammlung gewonnenen Erkenntnisse versprechen den besten Zugang zu diesem lange verkannten Forschungsobjekt. 

 

CHARAKTERISIERUNG DES FORSCHUNGSGEGENSTANDS

„ENTSCHEIDUNGEN“ (PAN)IN BEAMTENEXAMINA DER TANG-ZEIT

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Die folgenden Anmerkungen skizzieren Funktion und Inhalt von „Entscheidungen “ (pan), einem Element in den Auswahlexamina (xuan) der Tang-Zeit (618–907), dessen Beherrschung für die Prüfungskandidaten eine zentrale Voraussetzung für den Beginn einer Beamtenkarriere darstellte. Obwohl die herausragende Bedeutung dieses Prüfungstyps unter japanischen Sinologen unbestritten ist, fehlt es bislang in der westlichen Sinologie an systematischen Untersuchungen, die diesem Gegenstand gebührende Aufmerksamkeit schenken. Somit verstand sich dieser Beitrag als erster Versuch, dieses Desiderat der westlichen Forschung aufzuzeigen und zu weiterführenden Studien anzuregen.

 

1. EINFÜHRUNG

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Das unermeßlich große Reich der Tang übte mit einer verschwindend kleinen Anzahl von Regierungsbeamten Herrschaftsgewalt über eine riesige Bevölkerung aus,(1) die sich aus zahlreichen Ethnien zusammensetzte und sich über mehrere Sprach- und Kulturgrenzen erstreckte. Dies wirft zwangsläufig die Frage auf, nach welchen Kriterien die Verwaltungsbürokratie ausgewählt werden sollte, die zur Erfüllung ihrer schwierigen Dienstpflichten in der Lage war. Es liegt auf der Hand, daß eine Bildung hierfür nicht geeignet war, die sich ausschließlich auf eine repetitive Klassikerexegese beschränkte. Bei genauer Überprüfung Tang-zeitlicher Examensregularien finden sich denn auch tatsächlich Hinweise auf Prüfungsbestandteile, die von den angehenden Beamten noch weit mehr als die Fähigkeit der souveränen Rezitation des jeweils gültigen Bildungskanons verlangten. In einem Abschnitt des Tongdian beschreibt sein Verfasser Du You (735–812) die Fähigkeiten, über die ein Examenskandidat in den Prüfungen verfügen mußte, strebte er die Aufnahme in den Staatsdienst an:

„Bei der Auswahl von Kandidaten beachteten (die Prüfer) vier Kriterien: Das erste war das Auftreten (shen). ([Kommentar im Original:] Sie wählten jene aus, die ein eindrucksvolles Auftreten hatten.) Das zweite war die Sprache (yan). ([Kommentar im Original:] Sie wählten jene aus, die sich sprachlich gut ausdrücken konnten.) Das dritte war die Kalligraphie (shu). ([Kommentar im Original:] Sie wählten jene aus, die schön die reguläre Schreibschrift (kaishu) schrieben.) Das vierten war Entscheidungen (pan). ([Kommentar im Original:] Sie wählten jene aus, deren Schriften ganz und gar (you chang) zweckmäßig (li) waren.)“(2)

Aus anderen Quellen(3) können wir hinreichende Erläuterungen zu den hier aufgestellten Kategorien gewinnen. Mit einiger Sicherheit können wir annehmen, daß mit „Auftreten“ das Benehmen des Kandidaten vor und während der Prüfungen gemeint war. Es wurde nicht nur verlangt, daß die Prüflinge gut aussahen, vielmehr sollten sie im gesamten Erscheinungsbild beeindruckend wirken, da erwartet wurde, daß später im Amt selbstsicher agierende Persönlichkeitenten bei Untergebenen und gewöhnlichen Untertanen mehr Respekt genießen würden. Mit dem Stichwort „Sprache“ drückte sich die Erwartung aus, daß sich die Beamtenanwärter klar und verständlich ausdrücken konnten – und zwar mit einem annehmbaren Akzent, der vermutlich die regulären Amtsgeschäfte nicht unnötig erschweren durfte. Das Kriterium „Kalligraphie“ bezog sich nicht nur auf die Klarheit der Handschrift, sondern auch auf den ästhetischen Gesamtausdruck des Geschriebenen, dem in der Tang-Zeit große Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde.(4)
Der wichtigste Prüfungsteil waren die pan „Entscheidungen“, von denen wir wissen, daß sie zusammen mit den Kalligraphieprüfungen ganz zu Anfang vor den beiden anderen Prüfungsteilen durchgeführt wurden.(5) (Offensichtlich trafen die Prüfer in den schriftlichen Prüfungsteilen unter den Kandidaten bereits eine Vorauswahl und ließen zu den mündlichen Prüfungen nur noch jene Bewerber zu, deren anschließendes Bestehen am wahrscheinlichsten war.)
In den folgenden Abschnitten wird der Frage nachgegangen, was es genau bedeutet, „ganz und gar zweckmäßige“ Urteile zu präsentieren. Nach einführenden Bemerkungen zur Quellenlage, folgt eine kurze Skizze über den Stand der Forschung zum Themenkreis pan. Hieran schließen einige Hinweise auf die Bedeutung juristischer Urteile an, da wichtige Details der Entstehungsgeschichte dieser Literaturgattung ohne eine Annäherung an das Rechtswesen der Tang-Zeit unerkannt bleiben. Abschließend zeigen Hinweise auf Form und Inhalt der „Entscheidungen“ eine Perspektive auf, den Stellenwert der pan innerhalb der Literatur der Tang-Zeit erneut zu überdenken.

2. Quellenlage

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Aus der Tang-Zeit sind Textzeugnisse der Gattung pan nicht nur vereinzelt, sondern in größerer Anzahl tradiert worden. Eine genaue Analyse zeigt, daß aus den 300 Jahren der Tang-Zeit etwas mehr als 1200 pan von insgesamt etwa 520 Autoren überliefert sind. Insgesamt ist somit rund ein Zwanzigstel der gesamten Literatur der Tang-Zeit der Gattung pan zuzuordnen.(6) Da sich aber die zeitliche Verteilung der überlieferten pan nicht gleichmäßig über die gesamten 300 Jahre der Tang-Dynastie erstreckt, sondern hauptsächlich Beispiele aus den ersten Jahrhunderten tradiert wurden, gilt dieses Genre als eine originäre Literaturgattung der hohen Tang-Zeit. (7) Zu beachten ist grundsätzlich, daß pan typisch für einen genau einzugrenzenden Zeitabschnitt sind – weder bilden sie eines der 38 Genres in der füher Wenxuan des Xiao Tong (501–531),(8) noch sind sie ein Genre in Werken nachfolgender Dynastien. So sind aus der Song-Zeit (960–1279) lediglich 8 pan bibliographisch nachweisbar. Die pan „Entscheidungen“ verloren also ihre Bedeutung mit der Neuformulierung der Prüfungsanforderungen zu Beginn der Song-Zeit. 
Die beiden wichtigsten Sammlungen, in denen pan enthalten sind, sind das 1814 von Dong Gao für den Jia Qing Kaiser (reg. 1796–1821) redigierte Quan Tangwen(9) und das viel ältere Wenyuan yinghua,(10) daß um das Jahr 986 von Li Fang unter dem Song Kaiser Tai Zong (reg. 976–998) fertiggestellt wurde. Wenngleich auch der Gesamtfundus des Materials an pan, den diese beiden Sammlungen zusammentragen, zu über 90% identisch ist, gibt es doch insofern einen erheblichen Unterschied zwischen ihnen, als das Quan Tangwen eine chronologische Anordnung hat, während das Wenyuan yinghua sein Material nach Gattungen ordnet und die pan dort eine von 38 unterschiedlich häufig repräsentierten Gattungen darstellen. Ferner teilt das Wenyuan yinghua die pan unter inhaltlichen Gesichtspunkten in 81 Rubriken.(11)
Nicht alle überlieferten pan sind jedoch authentische Prüfungstexte, die in realen Prüfungssituation entstanden. Aus der Tang-Zeit kennen wir viele Lernhilfen, die den Beamtenanwärtern erleichtern sollten, die gewaltigen Textmassen auswendig zu lernen, die Gegenstand der Beamtenexamina waren. Eingeteilt nach einzelnen Prüfungstypen und Textsorten, transportierten spezielle „Paukbücher“ in eigens darauf abgestimmter Form die Formulierungen, Präzedenzfälle, literarische Alusionen sowie Namen historischer Persönlichkeiten, von denen erwartet wurde, daß sie die Examenskandidaten in den Prüfungen wußten. Ganz besonders wichtig waren diese Lernhilfen zur Vorbereitung auf die Zitatprüfungen (tiejing oder tiewen)(12) der Doktorexamen und zur Vorbereitung auf die „Entscheidungen“.
In den zuvor zitierten Sammlungen finden sich daher auch eine Reihe von Texten, die im eben beschriebenen Sinne als „Paukbuch“ für die Examen verfaßt wurden. Von einigen dieser Lernhilfen wissen wir sogar genau, daß sie mit großem Gewinn verkauft worden sind. Zwei umfangreiche Pan-Sammlungen dieser Sorte sind überliefert, nämlich das Longjin fengsui pan des Zhang Zhuo (jinshi um 680) mit insgesamt 78 pan und das Baidaopan des Bo Juyi mit insgesamt 100 pan. (13) (Die erwähnte Sammlung des Zhang Zhuo, der von Zeitgenossen wegen der geschäftstüchtigen Vermarktung seiner Schriften auch „Kupfermünzen Gelehrter“ (qingqian xueshi) genannt wurde, fand sogar in Korea und Japan Verbreitung. In Japan, wo das Prüfungswesen der Tang-Dynastie starken Einfluß hatte, sind denn auch noch weitere Sammlungen mit Tang-zeitlichen pan bibliographisch nachweisbar.)(14) Darüber hinaus sind noch von anderen Autoren mindestens vier weitere Sammlungen von pan im Xin Tangshu bzw. Songshi bibliographisch nachweisbar. (15)
Ausgehend von einem praktischen juristischen Sachtext (cf. Abschnitt 5) und einer sachlichen Prüfungsanforderung entwickelten sich die pan mit der Zeit also zu einem florierenden literarischen Genre und sogar zu einem internationalen Geschäft. Anthologien erfolgreicher „Entscheidungen“ wurden als Paukbücher zusammengestellt, die ihren Lesern an verschiedenen Beispielen Lösungen zum Auswendiglernen für die Beamtenexamina geben sollten. (16)

 

3. STAND DER FORSCHUNG

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In der westlichen Sinologie galten pan lange Zeit als eine hermetische Textgattung, der wegen ihrer extrem gekünstelten Ausdrucksweise keine weitere Beachtung geschenkt wurde. Dies ist wiederum nicht auf alle früheren Arbeiten zu diesem Thema in gleicher Weise zurückzuführen Die Geringschätzung der „Entscheidungen“ hängt eher mit der Breitenwirkung weniger Publikationen zusammen, die das Meinungsbild der englischsprachigen Nachkriegssinologie prägten.
Der erste Hinweis auf pan „Entscheidungen“ stammte von Robert des Rotours, der in seiner bahnbrechenden Studie zu examensrelevanten Textstellen im Xin Tangshu noch ganz nüchtern pan als Prüfung beschrieb, in der die Kandidaten über ein gegebenes Thema ihre Meinung sagen sollten:

„Le mot p’an  que je traduis par ,dissertation jugement‘, est une composition dans laquelle on expose son opinion sur une phrase qui été proposée comme sujet. pour les examens du moins, les sujets donnés pour les ‚dissertations judgements‘ sont toujours très courts, à l’inverse de ceux donnés pours les ‚dissertations en réponse à une question‘ (ts’ö).“ (17)

Diese leidenschaftslose Beschreibung geriet aber bald in Vergessenheit, als der begnadete übersetzer Arthur Waley in seiner Studie zu Bo Juyi ein vernichtendes Urteil über diesen Examenstyp fällte. Die Einschätzung Waleys, der in Zusammenhang mit pan von „grotesken Konventionen“ eines artifiziellen Stils sprach, prägte in der nachfolgenden Zeit die Auffassung einer ganzen Sinologengeneration: 

„Highly antithetical, stilted clauses, archaic vocabulary and various other obligatory mannerisms combined to make the ‚judgement‘ the most pedantic and artificial of all Chinese literary forms.“ (18)

Zwar stellten die Prüfer in sprachlicher Hinsicht bei den „Entscheidungen“ zweifellos allerhöchste Ansprüche. Waleys harsche Kritik verstellte allerdings den Blick für die Bedeutung dieses Genres, denn es gibt auch zeitgenössische Textzeugnisse, in denen die leichte Verständlichkeit als besonderes Qualitätsmerkmal wirklich guter „Entscheidungen“ eigens betont wird. So heißt es etwa bei Zhao Kuang, einem bedeutenden Beamten, der selbst vielen Examen als führender Prüfer vorstand, die „Entscheidungen“ sollten alle Arten von Problemen entscheiden, die mit den Dienstpflichten eines Beamten in Beziehung
stehen – und dies in einer „unkomplizierten Art und Weise“, die nicht nach leeren literarischen Ausdrücken sucht. (19)
Die spätere westliche Forschung teilte nicht immer Waleys Geringschätzung der pan. Denis Twitchett, der bedeutendste Tang-Historiker unserer Zeit, hat bereits mehrfach darauf hingewiesen, daß pan keineswegs die affektierten literarischen Übungen seien, als die sie Waley betrachtete. Vielmehr sieht Twitchett in den pan eine „unverzichtbare Quelle für den Tang-Historiker“, die dringend einer systematischen Untersuchung bedürfte:(20)

„Not only do the questions [i.e. pan, C.K.] bring into focus a wide range of social problems and matters of practical administration, but the answers, which are expected to be cast in terms of Confucian ethic rather than in statute-book legal form, give us an invaluable glimpse of acceptable attitudes on many social topics, and offer incidentally many invaluable leads to potential areas of conflict between codified law and customary social usage.“ (21)

Zwar weisen auch neuere Arbeiten auf die sprachlichen Schwierigkeiten der „Entscheidungen“ hin, doch sind – die wenigen – Sinologen, die diese Literaturgattung einer eigenen Untersuchung unterwerfen, sichtlich um differenziertere Aussagen als Waley bemüht. So beschreibt etwa Penelope Ann Herbert gelungene pan durchaus anerkennend mit folgenden Worten:

„Judgements were written in a set form which could be learned by reading and practising many examples. The study of acceptable judgemenmt would also help in deciding the solutions to new problems, since they were based on legal and ethical precedents and required the citation of historical examples. “(22)

Bedauerlicher Weise stehen Twittchet und Herbert mit ihrem ausgewogenerem Urteilen fast allein. In der gegenwärtigen Diskussion westlicher Fachvertreter spielt das literarische Genre der pan nahezu keine Rolle.
In der chinesischen Sekundärliteratur gibt es vereinzelt Ansätze, „Entscheidungen“ bei historischen Untersuchungen zu berücksichtigen. Beispielsweise rekonstruierte Mei Boqin  in einem Aufsatz zur Tang-zeitlichen Wirtschaftsgeschichte mit Hilfe von pan einige Details zur Frage des Landbesitzes und der Eigentumsverhältnisse Tang-zeitlicher Kaufleute.(23) Andere Historiker wie Wu Zongguo oder He Zhongli haben zudem in Arbeiten über die verschiedenen Examenstypen der Tang-Zeit wichtige Hinweise auf Veränderungen der Prüfungsinhalte gegeben.(24) Diese Beiträge lassen erkennen, daß Beamtenexamina keineswegs zu jeder Zeit hauptsächlich auf die Präsentation manierierter Schriftstücke ausgerichtet waren, sondern auch juristische Präzedenzfälle und historische Parallelen zu aktuellen politischen Problemen berührten, die von den Examenskandidaten rein sachlich erörtert werden sollten. Ihre Arbeiten widerlegen die Auffassung, es habe mit den „Entscheidungen“ ein Element im Prüfungssystem gegeben, das ausschließlich einen sinnentleerten Formalismus huldigte.
Die wichtigsten Studien zum Thema pan stammen aus Japan. Noch während des Krieges publizierte der bedeutende Rechtshistoriker Takikawa Masajirô [i. e. Kametarô]  eine bahnbrechende Arbeit über die im Wenyuan ying hua enthaltenen „Entscheidungen“. (25) Diese Studie ist bis auf den heutigen Tag der beste Ausgangspunkt jeder ernsthaften Beschäftigung mit diesem Themenkomplex geblieben. Gestützt auf die mit mustergültiger Genauigkeit betriebenen bibliographischen Vorarbeiten Takikawas konzentrierte sich Ichihara Kôkichi zu Anfang der sechziger Jahre auf die inhaltliche Klassifizierung der pan. (26) Ichihara teilte das Material des Wenyuan yinghua in 81 Kategorien ein, an deren thematischer Vielfalt die enorme Bandbreite erkennbar wird, die in den Examen Gegenstand der Prüfungsfragen wurden.
In neuerer Zeit gingen von Nunome Chôfû , einem ausgewiesenen Experten Tang-zeitlicher Geschichte und Literatur, die interessantesten Versuche zur Rehabilitierung dieses oft geschmähten Elements der Prüfungen aus. Zusammen mit seinem Kollegen Ôno Hitoshi legte er in acht Teillieferungen eine reich annotierte Übersetzung der ersten Hälfte von Bo Juyis Baidaopan vor.(27) Leider finden sich in der westlichen Sinologie keinerlei Spuren einer kritischen Rezeption dieser sehr verdienstvollen Arbeit. Schon aus der Tatsache, daß der nicht ganz 10 Seiten umfassende Ausgangstext in der Übersetzung nicht weniger als 140 Seiten benötigt, läßt erahnen, wie schwierig die Annäherung an dieses literarische Genre ist.

 

4. BESTIMMUNG DES GELTUNGSBEREICHS

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Es läßt sich recht genau beschreiben, wer sich zur Tang-Zeit den pan genannten Prüfungen zu unterwerfen hatte. Nicht nur der frische Beamtenanwärter, sondern auch der ältere Beamte, der eine neue Stelle anstrebte, mußte den Nachweis erbringen, daß er Alltagsfragen und zeitgenössische Probleme verschiedenster Art nach Maßgabe geltenden Rechts zu entscheiden verstand. Die unter der Rubrik „Entscheidungen“ subsumierten Teilprüfungen belegen, daß schon Beamtenanwärter ihre Kompetenz bei der Lösung von Problemen des alltäglichen Lebens unter Beweis stellen mußten. Daher sind von Untersuchungen der pan Aufschlüsse darüber zu erwarten, was zeitgenössisch an Problemen diskutiert wurde und wie diese Probleme zu lösen waren.
Bei der Formulierung von pan „Entscheidungen“ spielte es keine Rolle, ob der Prüfungskandidat bereits Verdienste im Amt erworben hatte, oder noch vollkommen unerfahren war. Da diese Prüfung gleichermaßen von berufserfahrenen Beamten als auch von jüngeren Nachwuchskräften absolviert werden konnte, ist die Vermutung naheliegend, daß die Qualität dieses Prüfungsteils neben literarischer Ausdrucksfähigkeit hauptsächlich von allgemeiner Urteilsfähigkeit und alltäglichem Sachverstand getragen wurde: Problemlösungen, die auch von Kandidaten ohne Berufserfahrung befriedigend entwickelt werden konnten, müssen weniger mit Expertenwissen als mit „gesunden Menschenverstand“ (d. h. konventionellen Denkweisen und Handlungsmustern) zu tun gehabt haben.
Verallgemeinernd kann gesagt werden, daß jeder höhere Beamte der Tang-Zeit entweder aufgrund ererbter oder verliehener Privilegien, aufgrund langer und erfolgreicher Tätigkeit als kleiner Beamter oder aber aufgrund erfolgreicher Prüfungen, die ihn als allgemein und breit gebildet auswiesen, in seine Laufbahn eintreten konnte.(28) War ein Aspirant durch eine der besagten Voraussetzungen ausgezeichnet, so wurde er gleichwohl nicht unmittelbar in ein Amt gesetzt. Vielmehr mußte er sowohl eine Wartezeit in Kauf nehmen, als auch sich einer Auswahlprüfung (xuan) unterziehen, die alljährlich im Winter in der Hauptstadt abgehalten wurde und in der die Qualifikationen für einen Beamtenposten nachzuweisen waren.
Die gleiche Regelung galt aber auch für höhere Beamte: Sie mußten nach Ablauf ihrer Tätigkeit auf einem bestimmten Posten in eine Zwangspause eintreten und sich dann erneut der Auswahlprüfung stellen, bevor sie eine neue Stelle antreten konnten. Allein die allerhöchsten Beamten waren hiervon nicht betroffen und wurden direkt berufen – immerhin konnte bei ihnen ja davon ausgegangen werden, daß sie sich durch vorausgegangene Tätigkeiten auf verschiedenen Posten bewährt hatten und überdies durch verschiedene Auswahlexamina auch genügend bekannt waren.

5. FUNKTION, FORM UND INHALT DER PAN

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Ein Charakteristikum der „Entscheidungen“ ist, daß sie nicht nur inhaltlich vorgeschriebenen Mustern folgten, sondern auch formal geltenden Ästhetikvorstellungen unterworfen waren. Abgefaßt meist in Sätzen mit vier und sechs Zeichen schufenen die Verfasser von pan in formaler Hinsicht literarische Meisterwerke der vollendeten Parallelprosa (pianwen), (29) die eine Vielzahl von klassischen Anspielungen enthielt. ähnliche Themenkreise wurden zwar in gleicher Weise auch in juristischen Präzedenzfällen des gewöhnlichen Rechts gebraucht, die literarische Brillanz der pan wurde in rechtswissenschaftlichen Gebrauchstexten aber nie erreicht.
Ein pan enthält grundsätzlich zwei Teile, nämlich eine Problemstellung und eine Antwort darauf. Der Umfang der Problemstellung kann ebenso wie die Gesamtlänge der Antwort schwanken. Gehen wir von den „Entscheidungen“ in Bo Juyis Baidao pan aus, umfaßt die Aufgabenstellung im Durchschnitt 26 Schriftzeichen und die Antworten hierauf rund das Fünffache. Die Fragen, über die pan anzufertigen waren, betreffen ein weites Gebiet – von Rechtsfragen und politischen Entscheidungen bis zu Fragen der Ethik und der Klassikerexegese. Die inhaltliche Breite des Genre pan ist kaum hinreichend zu beschreiben. In der Anthologie Wenyuan yinghua lassen sich einzelne „Entscheidungen“, die sich auf Himmelskörper und Astronomie, auf Jahreszeiten und Naturkatastrophen beziehen ebenso finden, wie Urteile, die Zweifelsfälle auf dem Gebiet von Riten und Hofmusik, des Lehrens und Lernens oder der staatlichen Opferfeiern thematisieren. Prüfungsfragen gibt es zu Gerichtsurteilen, zur Besteuerung von Landeigentum und zur Erfüllung militärischer Befehle; doch auch übergreifende Fragestellungen, die sich auf das Verkehrswesen oder allgemein auf Tiere und Pflanzen beziehen sowie eher esoterisch anmutende Zweifelsfälle, die sich aus der Auseinandersetzung mit Methoden der Wahrsagerei ergeben, können den Hintergrund von Examensaufgaben bilden.

6. SPUREN ZEITGENÖSSISCHER REZEPTION

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Aus den uns heute vorliegenden Quellen ist nur sehr schwer zu erkennen, was für den zeitgenössischen Betrachter eine „Entscheidungen“ zu einem gelungenen pan gemacht hat. Der Forschung fehlen bislang historische Stellungnahmen, die konkrekt Auskunft darüber geben, welche Kriterien zur Beurteilung dieses Genres herangezogen wurden – direkte Vorgaben für die Abfassung von pan finden sich ebenso wenig wie Korrekturanweisungen oder kommentierte Zensuren zu überlieferten Textbeispielen.

Indirekte Aussagen über den Stellenwert der „Entscheidungen“ innerhalb des Prüfungssystems sowie Stellungnahmen zum zeitweiligen Mißbrauch dieser Prüfungsanforderung finden sich dagegen häufiger. Es gibt Hinweise darauf, daß der heute viel beklagte Stil der pan nicht auf die Dekadenz eines übersättigten Literaturgeschmacks zurückgeführt werden muß, sondern lediglich natürliche Folge einer konkreten Zwangssituation war: Gründe für die zunehmende Verkomplizierung des literarischen Stils sind in erster Linie im zunehmenden Anstieg der Examenskandidaten bei gleichzeitiger Stagnation zu besetzender Posten zu suchen.(30)

Die Bewertung individueller Qualitäten wie die eingangs erwähnten Kriterien „Auftreten“ und „Sprache“ war sehr zeitaufwendig, da sie die volle Aufmerksamkeit der Prüfer über Tage erforderte. Zu Beginn der Tang-Zeit wurde noch versucht, die Gelehrsamkeit jedes einzelnen Bewerbers gründlich zu prüfen. Als die Zahl der Kandidaten aber immer mehr zunahm, wurde es unmöglich, die umständlichen Examensprozeduren beizubehalten, weshalb die Prüfer später ihr Urteil nur noch von den Prüfungsteilen „Kalligraphie“ und „Entscheidungen“ abhängig machten. Notwendigerweise mußten die „Entscheidungen“ aber immer schwieriger werden, wollten die Prüfer sie als Ausschlußkriterium angesichts der stetig wachsenden Bewerberzahl nutzen. Für gesteigerte Anforderungen bot das relativ präzise Gesetzbuch der Tang sichtlich weniger Anhaltspunkte als die pan, deren literarischer Aufbau mit gezierten Stilvorgaben immer weiter erschwert werden konnten. Tatsächlich war jedenfalls bald der Punkt erreicht, an dem gelungene „Entscheidungen“ als alleiniges Erkennungsmerkmal beruflicher Qualifikation galten. Zu Beginn des achten Jahrhunderts war es schließlich bereits selbstverständlich, daß Examenskandidaten ausschließlich aufgrund weniger Teilprüfungen ausgewählt werden konnten. Im Jahre 715 beschrieb Zhang Jiuling in einem vertraulichen Memorandum zu Problemen im Prüfungssystem, nach welchen Kriterien zu seiner Zeit die Beamtenanwärter rekrutiert wurden:

„Wenn (ein Kandidat) sich in einem Examen bewirbt, wird ein Gedicht oder eine Entscheidung dazu herangezogen, über seine Befähigung zu entscheiden.“(31)

Schon unter Kaiser Gao Zong gab es aber auch Kritiker, die auf Schwächen der geltenden Rekrutierungskriterien aufmerksam machten. Während der Regierungsdevise Xianqing (656–661) wurde von Regierungsbeamten beklagt, daß zur Beurteilung der Berufsfähigkeit eines Beamten hauptsächlich Prüfungsergebnisse, nicht aber das tatsächliche Verhalten im Amt beachtet wurde. Beispielsweise gab der ranghohe Gelehrte Liu Xiangdao in einem vertraulichen Memorandum an den Kaiser zu bedenken:

„Wenn heute Beamte ihre Amtszeit vollenden [und in die verordnete Wartepause eintreten, C.K.], werden sie von den Verantwortlichen ausschließlich aufgrund ihrer Entscheidungen geprüft, ohne zu testen, wie fähig oder unfähig sie (für die tatsächlichen Amtsgeschäfte) sind und entsprechend (erneut) eingestellt. Sie erhalten (neue) Amtsposten gerade so sicher wie Donner auf einen Blitz folgt.“ (32)

Es wäre allerdings falsch, aus diesen immer wieder zu findenden Einwenden vergleichbarer Art, bei den zeitgenössischen Kritikern eine grundsätzliche Geringschätzung des Genre pan ableiten zu wollen. Daß „ Entscheidungen“ in der Hierarchie der Beamtenexamen an erster Stelle standen, ist relativ leicht zu dokumentieren, da sich viele Belegstellen finden lassen, die mit der eben zitierten identisch sind. In der Tang-Zeit scheint es schon früh zur Communis Opinio gehürt zu haben, daß pan ein probates Mittel zur Auswahl von Bewerbern für ein Amt in der Regierungsbürokratie waren. Schwieriger wird es aber, die inhaltliche Ausgestaltung dieses Genres genauer zu beschreiben.
Bei der Lektüre der relevanten Kapitel des Tongdian und des Tang huiyao regen sich allerdings bald Zweifel an der Einschätzung Waleys, nach der die Abfassung von pan einem wirklichkeitsfremden Exerzitium gleichkam. Viele zeitgenössische Hofbeamte scheinen in der Prüfung von „Entscheidungen“ nicht eine Übung gesehen zu haben, bei der die Kandidaten – im Sinne eines „L’art-pour-l’art“ – schöngeistige Belanglosigkeiten anhäufen mußten. Sie werteten diese Testform vielmehr als Chance, genaueres über die Urteilsfähigkeit und den Sachverstand der Kandidaten zu erfahren. Der bereits eingangs erwähnte Zhao Kuang beschreibt in einem Memorandum an den Kaiser, in dem detailierte Vorschläge zur Reform des Examenssystems entworfen werden, welche Anforderungen in einem pan erfüllt werden mußten: (33)

 

„Wenn (die Kandidaten) zu Entscheidungen gefragt werden, ersuche ich (Eure Majestät) darum, (sie) nach aktuellen Sachproblemen (shi shi) sowie zweifelhaften Rechtsfällen (yi yu) zu befragen und gemäß der Gesetze entscheiden zu lassen. Wenn sie in Übereinstimmung mit dem Gesetzbuch antworten und dies auch noch in Einklang mit dem Sinn der Klassikern steht, ihre Argumentation zweckmäßig sowie ihre literarische Ausdrucksweise ausgefeilt ist und sich von der Masse abhebt, sind sie als erstrangig anzusehen; wenn sie in Übereinstimmung mit dem Gesetz entscheiden, die Klassiker und Geschichtswerke vergleichen, keinerlei Versäumnisse begehen und (ihre Argumente) klar erkennbar sind, sind sie als zweitrangig anzusehen; sind ihre Entscheidungen in Übereinstimmung mit dem Gesetz gefällt und haben einiges an literarischer Eleganz, sind sie als drittrangig anzusehen; sind (ihre Entscheidungen) gemäß dem Gesetz gefällt und drücken geradewegs aus, was geht und was nicht, sind sie, selbst wenn ihre Ausdrucksweise nicht literarisch ist, ihre Argumentation (aber) ohne Fehler ist, als viertrangig anzusehen. Außer den (eben genannten), ist niemand (für ein Amt) auszuwählen. Auch wenn die Entscheidungen und die Ausdrucksweise (mit den hier aufgestellten Forderungen) überein stimmen, können jene nicht (für ein Amt) ausgewählt werden, die nur engstirnige Auslegungen der Gesetzestexte vornehmen und dabei ihren tatsächlichen Sinn verdrehen. Stimmen (die Entscheidungen) – zumindest in einigen Sätzen – mit dem Zweckmäßigen(34) überein, können (die Kandidaten) auch (für ein Amt) ausgewählt werden, doch wenn sie gegen das Zweckmäßige verstoßen, sind sie, wie wortreich sie auch sein mögen, abzulehnen. Die undurchsichtigen Entscheidungen durchtriebener Leute, die im Volk „Entscheidungsgeflecht" (panluo) genannt werden, sind höchst schamlos. Ich ersuche (Eure Majestät) darum, (sie) zur Warnung öffentlich zur Schau zu stellen.“

 

Zitat aus Memorandum

 

Aus diesem Memorandum geht ganz klar hervor, daß ein gelungenes pan in erster Linie wegen seiner opportunen Argumentation, nicht aber wegen seiner literarischen Artistik akzeptiert wurde. Wollte ein Kandidat sein Urteil in einer Zweifelsfrage annehmbar begründen, war es für ihn wichtiger, seine Kenntnis relevanter Stellen aus dem Gesetzbuch zitieren zu können, als gefällige Reime zu schmieden. Interessant ist auch, daß Zhao Kuang Klassikerstellen lediglich flankierende Funktion zubilligen wollte. Zweifellos sollten die eingangs erwänten Zitatprüfungen (tiejing) nur auswendig gelernte Zitatfragmente abfragen. In pan hingegen ging es um den tieferen Sinn klassischer Belegstellen, die zur weiteren Unterstützung jener Entscheidungen herangezogen werden konnten, die sich aus den geltenden Gesetzesvorlagen ableiten ließen. Bei der Beurteilung einer „Entscheidung“ kam dem literarischen Stil jedenfalls keineswegs vorrangige Bedeutung zu. Verbale Schaustücke ohne argumentative Substanz sollten vielmehr geächtet und der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

In der bisherigen Diskussion ist leider einem weiteren Problem keine hinreichende Aufmerksamkeit geschenkt worden, das mit der Zusammensetzung des offiziellen Klassikerkanons zusammenhängt. Was in der nachfolgenden Dynastie Song (960–1279) mit phasenweise unerbittlichen Fanatismus als Heterodoxie ausgeschieden wurde, fand zur Tang-Zeit noch seinen legitimen Platz in der anerkannten Orthodoxie. Gerade diese Vielschichtigkeit erschwert aber die exakte Beschreibung des „offiziellen“ Prüfungskanons, der kein monolithisch geformter Korpus gewesen ist, sondern zeitweise sehr verschiedene Segmente miteinander vereinte. So fragten die Prüfer schon zu Beginn des achten Jahrhunderts in Beamtenexamen nicht mehr ausschließlich nach konfuzianischen Bildungsinhalten, sondern bezogen nun auch verstärkt Kenntnisse in einigen daoistischen Klassikern und juristischen Gesetzestexten in das Curriculum ein. Konfuzianische Beamtengelehrte standen zwar der Aufnahme daoistischer und legistischer Lehrinhalte bei den Aufnahmeprüfungen zum Eintritt in die Bürokratie grundsätzlich eher reserviert gegenüber, doch sahen auch sie die Notwendigkeit, durch Aufnahme neuer Prüfungsinhalte und Verschärfung der überkommenen Prüfungsanforderungen Herr über die gewaltige Zahl der Prüfungskandidaten zu werden. 
Die Aufnahme daoistischer Schriften in den Kanon prüfungsrelevanter Schriften ist in Zusammenhang mit den Präverenzen der Herrscherfamilie zu sehen, die den gleichen Familiennamen Li  trug wie der traditionell als Ahnherr des Daoismus verehrte Lao Dan. Kaiser Xuan Zong (reg. 712–756) erhähte – begünstigt durch seine persöhnliche Affinität gegenüber mystizistischen Glaubenslehren – die Akzeptanz daoistischer Lehrinhalte, indem er für das Daode jing, dem zentralen Text des Daoismus, einen eigenen Kommentar vorlegte.(35) Auch erließ er eine Verordnung, nach der jeder Haushalt ein Exemplar des Daode jing besitzen mußte.(36) Im Jahre 741 richtete Xuan Zong sogar besondere Schulen zum Studium daoistischer Lehren ein. Aus diesen Einrichtungen, den Chongxuan xue, sollten Kandidaten für daoistische Staatsexamen ( daoju) hervorgehen, die in etwa den konfuzianischen Mingjing-Examen  (37) entsprachen.(38) Das Daode jing, seit dem Jahre 747 durch ein Edikt des Kaisers zum „wichtigsten aller kanonischen Bücher“ ausgerufen, wurde danach in vielen Examen zu einem eigenen Prüfungsgegenstand, dem auch die konfuzianischen Prüfer ihre Referenz nicht versagen durften. (39)
Die Aufnahme juristischer Wissensinhalte bedarf einer eigenenen Erklärung, da die Rolle des Gesetzbuches verschiedene Aspekte der Tang-zeitlichen Regierungspraxis berührt, deren Bedeutung für das Prüfungswesen lange unterschätzt wurde.

7. JURISTISCHE HINTERGRÜNDE DER ENTSTEHUNGSGESCHICHTE

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Schon mehrfach wurde darauf hingewiesen, daß die sachliche Prüfungsanforderung der „Entscheidungen“ ihren Ausgangspunkt in juristischen Sachtexten hat. Diese Feststellung verdient einige Erläuterungen und grundsätzliche Anmerkungen, mit deren Hilfe die Rolle des Gesetzbuches in der Entstehungszeit der pan besser verständlich wird.
Mit Blick auf die Tang-Zeit kommt bei der Betrachtung juristischer Grundsätze für die moderne Forschung erschwerend hinzu, daß es zwar einen sehr ausgereiften und von der Sekundärliteratur hinreichend beschriebenen Korpus von Rechtsvorschriften gibt,(40) es aber weitgehend an Beschreibungen fehlt, wie diese juristischen Normen in der Praxis umgesetzt wurden. Was wir heute über die Stellung des Berufstandes der Juristen wissen, ist relativ dürftig und gibt uns nur wenig Anhaltspunkte für ein Verständnis der Tang-zeitlichen Gerichtspraxis. Beispielsweise wissen wir heute, daß es zwar eigene Examen für Juristen gegeben hat, die an den juristischen Abteilungen der Staatsakademien gelehrt wurden, doch genossen die Absolventen dieser Examen weit weniger Ansehen als jene Gelehrte, die sich zu Prüfungen im konfuzianischen Curriculum meldeten. (41) Ein Hinweis auf die relative Mißachtung vorwiegend juristisch Gebildeter ist das fast vollständige Fehlen von Unterlagen zu juristischen Examina, währenddessen Material über die prestigeträchtigen konfuzianischen Staatsexamina reichhaltig überliefert sind.
Die Auswertung traditioneller Quellen legte der westlichen Sinologie die Vermutung nahe, daß Beamte der Verwaltungsbürokratie Hilfestellungen zur Erfüllung ihrer Dienstpflichten hauptsächlich aus ihrer akademischen Bildung bezogen haben – womit implizit der konventionelle Prüfungskanon der primär konfuzianisch Gebildeten gemeint ist. Diese Vermutung muß aber kritisch hinterfragt werden, da m. E. die Rekonstruktion der tatsächlichen Urteilsfindung konfuzianischer Gelehrter in juristischen und moralischen Zweifelsfällen als weitgehend unerforscht bezeichnet werden muß. Noch ist kaum etwas darüber bekannt, welche Zweifelsfälle einem konfuzianisch gebildeten Beamten überhaupt vorgelegt wurden und wie er seine Entscheidungen tatsächlich begründet hat. Aus diesem Erkl&äuml;rungsbedarf leitet sich die Bedeutung der pan „Entscheidungen“ ab, da nur hier Hinweise auf die zeitgenössischen Verfahrensweisen der Urteilsbegründung erhalten sind.
Für die Tang-Zeit gibt es zwar keinerlei Aufzeichnungen von Gerichtsprotokollen, die den tatsächlichen Verhandlungsverlauf von Prozessen dokumentieren. (42) Auch fehlt es an zusammengefaßten Fallbeschreibungen, wie sie der Forschung beispielsweise durch die Qing-zeitliche Übersicht der Strafrechtsfälle vorliegen, mit deren Hilfe aufschlußreiche Untersuchungen zur Rechtsauffassung der Qing-Zeit ermöglicht wurden.(43) Dennoch gibt es in Form von pan „Entscheidungen“ eine Reihe von Urteilen und Urteilsbegründungen, die berühmte Gelehrte als Antwort auf juristische Fragen vorgelegt haben, die ihnen im Rahmen ihrer Beamtenlaufbahn in Staatsexamen gestellt wurden. An dieser Stelle ist nochmals an die eingangs beschriebene Prüfungsanforderung zu erinnern, die von den Examenskandidaten verlangte, „zweckmäßige“ Urteile zu finden. Von den Examenskandidaten – wie auch den Distriktmagistraten – wurde erwartet, in einem juristischen (oder moralischen) Zweifelsfall eine Entscheidung fällen zu können, die sowohl auf dem Boden bestehenden Gewohnheitsrechts stand, als auch den geltenden Rechtsvorschriften genügte.
Wir müssen berücksichtigen, daß ein Verwaltungsbeamter in einem Rechtsstreit sein Urteil unter Verweis auf eine Vorschrift aus den Gesetzen (), den Vorschriften (ling), den Direktiven (ge) oder den Regularien (shi) begründen mußte.(44) Dies konnte durch ein direktes Zitat aus einem Paragraphen des Gesetzbuches oder durch einen begründeten Analogieschluß zu bestehenden Vorbildern der Rechtsprechung erfolgen.
Für Justizbeamte war es äußerst wichtig, bei einem Vergehen den Rechtsbruch mit einer korrekten Bestrafung zu ahnden. Begang ein Beamter den Fehler, bei einem Fall nicht den angemessenen Paragraphen zu zitieren, wurde sein Vergehen konsequent bestraft.(45) Das Gesetzbuch sah klare Regelungen für den Fall vor, daß ein Lokalbeamter vors ätzlich oder versehentlich bei einem Vergehen ein falsches Urteil fällte. In diesen Fällen sah das Gesetzbuch vor, daß der Verwaltungsbeamte entsprechend der Schwere seiner Fehlentscheidung selbst verurteilt werden mußte. (46) Konnten zur Bestrafung eines Tatbestands zwei oder mehrere Paragraphen herangezogen werden, sah das Gesetzbuch vor, die schwerere Bestrafung dem Urteil zugrunde zu legen. Andererseits sah der geltende Rechtskodex aber auch ausdrücklich Spielräume bei der Urteilsfindung vor. Verwaltungsbeamte der lokalen Administration konnten in Zweifelsfällen einen Tatbestand subjektiv beurteilen und bei Straftaten, die nicht eindeutig vom Gesetzbuch erfaßt wurden, eine leichtere oder schwerere Bestrafung durch Verweise auf anerkannte Präzedenzfälle begründen. (47)
Die gesetzlichen Vorschriften der Tang-Zeit sind so differenziert, daß der Eindruck entsteht, daß sie anhand einzelner Vorkommnisse und historischer Präzedenfälle entwickelt wurden. In der Regel sind sie wenig abstrakt und nur in seltenen Fällen zu einer generellen Norm ausformuliert, vielmehr sind sie meist ganz konkret auf bestimmte Fälle abgestellt. Bei genauer Überprüfung Tang-zeitlicher Urteile überrascht die Vielfalt ausdifferenzierter Rechtsnormen, die Auflagen zur sorgfältigen Ausführung juristischer Vorschriften und die strenge Haftung der Beamten, die auch für kleine Nachlässigkeiten zur Verantwortung gezogen werden konnten. überraschend ist dieses Ergebnis besonders wegen seiner Abkehr von der konfuzianischen Rechtsauffassung, von der keineswegs eine strenge Bindung der Beamten an Rechtsvorschriften bekannt ist. Nach der traditionellen Sichtweise wurden den konfuzianischen Beamten nicht so strenge Fesseln bei der Anwendung und Auslegung der Rechtsnormen angelegt, daß ihnen die Freiheit genommen worden wäre, die menschliche Seite des einzelnen Falles in Justiz und Verwaltung zu berücksichtigen.
Die Betonung der strikten Weisung, die gesetzten Rechtsnormen anzuwenden, scheint im Gegensatz zu jener Auffassung zu stehen, die nicht mit Rechtsnormen, sondern mit Riten regieren möchte. Die aus dem Gesetzbuch der Tang abzulesende Rechtsauffassung scheint daher mit der „rein“ konfuzianischen Rechtsauffassung nicht in Einklang zu stehen. Wäre diese Sicht von der konfuzianischen Rechtsauffassung richtig, würde die aus dem Tang-Gesetzbuch sprechende Rechtsauffassung ideologisch auf Anleihen aus der Schule der Legisten (fajia) hinweisen. Folglich wäre die Annahme zwingend, daß maßgebliche Einflüsse bei der Abfassung des Tang-Gesetzbuches auf legistisches Gedankengut zurückzuführen ist. Zudem richtet sich der Zweck der Rechtsnormen offensichtlich auf die Schaffung einer starken Zentralregierung und eines straff organisierten Einheitsstaates. Der in den Normen zum Ausdruck kommende Wille der herrschenden Dynastie zielte deutlich darauf, daß alle Rechtsnormen einheitlich im ganzen Reich strikt befolgt werden sollten. Sie erlaubten für den einzelnen Regierungsbeamten keinen Interpretationsspielraum bei der Erfüllung seiner Dienstpflichten und verhinderten, daß lokale Gewohnheiten, Gebräuche oder Besonderheiten aufrecht erhalten bleiben, die den Herrschaftsanspruch der Zentralregierung herabsetzen konnten.(48)
Bei der für die Tang-Zeit typischen Betonung des Gesetzbuches und der Regeln für das Ritualwesen kam den pan die Bedeutung einer Entscheidungshilfe in Fragen des rechten Verhaltens und des sittenkonformen Auftretens in Konfliktsituationen zu. Ursprünglich als Urteil im juristischen Kontext konzipiert, entwickelten sich die pan im Laufe der Zeit zu einer literarischen Gattung, in der alltägliche Zweifelsfälle primär unter Heranziehung moralischer Konventionen entschieden wurden. Die „Entscheidungen“ kombinieren Elemente des Gesetzbuches und der Ethik mit geltenden Konventionen des Gewohnheitsrechts und sind daher eine einzigartige Quelle zur Rekonstruktion der gesellschaftlichen Realität der Tang-Zeit, die in keiner anderen Quellengattung erhalten ist.(49)

8. PERSPEKTIVEN

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Nach diesem kurzen Exkurs zu dem juristischen Hintergrund der Examensanforderungen läßt sich die Bedeutung der pan „Entscheidungen“ leichter fassen. Kandidaten der Verwaltungsbürokratie sollten in Auswahlexamen dokumentieren, wie versiert sie in der Urteilsfindung waren. Durch die Überlieferung der Fragen und Antworten zeitgenössischer Examen sind der Nachwelt Textzeugnisse erhalten, die einzigartige Hinweise auf das Anforderungsprofil konfuzianischer Beamtengelehrter geben. Dabei bieten die „Entscheidungen“ indirekt auch Rückschlüsse auf das reale Rechtsempfinden der damaligen Zeit, die sich nirgendwo sonst fassen lassen. Hiermit tritt erstmals auch die Bewußtseinslage der damaligen Menschen zu Tage, die weder in Quellen der offiziellen Historiographie noch in Werken der fiktionalen Literatur so deutlich erkennbar wird wie in dem literarischen Genre der pan.
Mit welchen Aufgaben Beamten der Tang-Zeit im Dienstalltag betraut wurden und wie sie diese Aufgaben gelöst haben, ist aus den Standardwerken der chinesischen Historiographie nicht unmittelbar zu erkennen. Hierzu bedarf es erst einer systematischen Untersuchung anderer Quellen, die allerdings gegenwärtig noch nicht ausreichend beschrieben worden sind. Die Untersuchung von pan „Entscheidungen“ ist ein erfolgversprechender Versuch, sich diesem Desiderat der Forschung zu nähern.

9. ZWISCHENERGEBNISSE

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Bei der Betrachtung der Aufgabenstellungen kristallisierten sich einige Schwerpunkte heraus, die unter den Ausgangsfragen überdurchschnittlich häufig vertreten sind. Wie zu erwarten, richtet sich der größte Teil der Prüfungsfragen in beiden Werkteilen auf Themenstellungen, die in direktem Zusammenhang mit den Aufgabenbereichen stehen, die vermutlich aktive Beamte aller Epochen beachten mußten. Alltägliche Amtsgeschäfte, die sich aus der Verfügungsgewalt des Verwaltungsbeamten ergaben, bilden einen Schwerpunkt dieser Prüfungsfragen.

Daneben gibt es aber genauso viele Auseinandersetzungen, in denen Privatpersonen um ihr Recht streiten. Die Schlichtung von Kontroversen, die sich aus Eheverhältnissen, mißlungenen Verlobungen oder wirtschaftlichen Verbindlichkeiten ergeben, nimmt unter den Streitfällen einen beachtlichen Raum ein. Hier erfährt der Leser verbüffende Details aus dem Alltag gewöhnlicher Leute, die in den üblichen Werken der Historiographie nicht zu finden sind. Spuren der allgemeinen Auffassung des geltenden Gewohnheitsrechts sind für die Tang-Zeit nur schwer auffindbar; es gibt nur wenige Anhaltspunkte, die rekonstruieren helfen, auf welcher Basis ein Mensch der damaligen Zeit Auseinandersetzungen, die seine eigene Persönlichkeit betroffen haben, entschieden hat. Hier bieten aber jene Entscheidungen, in denen ganz ohne direkte Zitate argumentiert wird, höchst informatives Anschauungsmaterial; an den Zweifelsfällen lassen sich die sozialen Verhaltensnormen der damaligen Zeit nachzeichnen, durch die das Tang-zeitliche Rechtsempfinden geprägt wurde (cf. 38A, 42A, 43A, 50A, 51A, 3B, 39B, 41B und 47B).

Ebenso spiegeln auch die Rechtsfälle, die gewöhnliche Amtspflichten zum Gegenstand haben, viel von damals geltenden Konventionen einfacher Beamter wider (cf. 17A, 1B, 45B und 46B). Die pan zeigen sehr deutlich, welche Themenstellungen in den Aufgabenbereich von herk&öuml;mmlichen Verwaltungsbeamten fallen konnten: Fragen nach adäquaten Trauerzeremonien (cf. 6A, 15A, 35A, 10B, 12B, 16B, 23B, 24B, 49B und 50B) finden dabei ähnlich hohe Beachtung wie dubiose Seltsamkeiten, deren Klärung nach heutigen Vorstellungen die Grauzone von „Aberglauben“ berühren dürfte (cf. 9A, 31A, 41A und 30B). 

Wie zu erwarten, konzentrieren sich einige Entscheidungen auf das System der Examen selbst und sondieren Vorkommnisse, die im Kontext von Prüfungen stehen (3A, 13B, 34B, 37B und 40B). überraschender ist dagegen die hohe Aufmerksamkeit, die militärischen Sachverhalten entgegengebracht wird, wenngleich das reguläre Curriculum der Beamtenanwärter hauptsächlich aus kanonischer Literatur bestanden hat (cf. 8A, 20A, 28A, 33A, 37A, 39A, 6B, 7B, 19B und 43B). In den Examen wurde ganz offensichtlich verlangt, daß die primär zivil geschulten Kandidaten Grundaussagen der klassischen Bildung auch auf militärische Bereiche übertragen konnten. Das Vermögen, traditionelle Bildungsinhalte auch auf andere Aufgabenbereiche anwenden zu können, zeigt sich aber nicht nur bei Fragen, die den militärischen Bereich betreffen, sondern auch auf dem Gebiet juristischer Grundaussagen (cf. 5A, 27A, 39A, 40A, 44A, 47A, 49A, 17B, 25B, 26B, 27B, 28B, 29B und 33B).

An keiner einzigen Stelle geht es aber darum, bei der Klärung strafrechtlicher Sachverhalte einen Schiedsspruch in der Form juristischer Expertisen zu entwerfen – direkte Verweise auf das sehr umfangreiche Tanglü shuyi, dem beispielhaften Gesetzbuch der Tang, finden sich nie. Zwar ist hinlänglich bekannt, daß leitende Beamte darauf achten mußten, ihre Urteile mit dem Gesetzbuch in Übereinstimmung zu bringen, doch besteht kein Zweifel daran, daß die Feinabstimmung juristischer Detailprobleme eher subalternen Mitarbeitern einer Behörde oblag. Ohne Frage handelte es sich bei pan eben nicht um „Urteile“, sondern ausschließlich um „Entscheidungen“; hier ging es augenscheinlich darum, stets einen sittenkonformen Entschluß fassen zu können, der Rücksicht auf geltende Usancen nahm – und zwar innerhalb des Entscheidungsspielraums, der sich durch die Autorität der einflußreichen Amtsposition ergab.

Bei näherer Betrachtung der Antwortstrategien, die Bo Juyi in seinen pan zur Beantwortung der Aufgabenstellungen entwickelt hat, lassen sich verschiedene Fehleinschätzungen korrigieren, die in der Vergangenheit einer sachlichen Charakterisierung dieses Literaturgenres im Wege standen. Zumindest bei den vorliegenden Entscheidungen ist klar erkennbar, daß die Formulierung einer überzeugenden Argumentation keineswegs ausschließlich von der Menge der eingefügten Zitate abhing.

Im ersten Teil enthalten weniger als die Hälfte aller pan explizite Anspielungen auf historische Persönlichkeiten beziehungsweise direkte Verweise auf klassische Textstellen. Lediglich in 24 (i.e. 48%) der insgesamt 51 Antworten stützt sich Bo Juyi ausdrücklich auf literarische Vorbilder, um die Leser auf eine kalkulierte Assoziationskette zu lenken. Im zweiten Teil der Entscheidungen werden sogar nur in 21 (i.e. 42,00%) Fällen vergleichbare Metaphern gebraucht – was gegen die Annahme spricht, daß die hervorgehobene Verwendung von Zitaten zu einem spezifischen Charakteristikum dieser Gattung gehört.

 

Uebersicht zur Zitathaeufigkeit

 

Jeder Kritiker, der gegen diese Form von Literatur einwendet, sie entfalte eine zu artifizielle Ausdrucksweise, verkennt die Prüfungssituation, unter der diese Textzeugnisse entstanden sind.

Unverkennbar spiegeln diese Texte viel von den zeitgenössischen Prüfungsbedingungen wider, die eine besonders umfassende Belesenheit prämierte. Die Examen prüften die Beamtenanwärter auf die Belesenheit in den etablierten Klassikern der Historiographie und konfuzianischen Lehre. Somit mußte es als wünschenswert gelten, für nahezu alle Anlässe eine entsprechende Anspielung reproduzieren zu können, die mit einer Textstelle aus der kanonischen Literatur in Zusammenhang stand. Der beachtliche Anteil an direkten Zitaten erlaubt daher die Sichtweise, in der engen Anlehnung an den zeitgenössischen Bildungskanon des Gelehrtentums nicht ein sklavisches Anhaften an überkommener Buchgelehrsamkeit, sondern einen gezielten Leistungsnachweis für die strengen Prüfer zu sehen.

Der japanischen Übertragung verdanken wir den Nachweis, daß es für viele Formulierungen parallele Entsprechungen in den Klassikern gibt. Hierdurch gelingt es den heutigen Lesern, den Bildungsweg damaliger Autoren nachzuvollziehen: Zweifellos beherrschten die Prüfungskandidaten der Entscheidungen einen Großteil des klassischen Bildungskanons komplett auswendig. Es kann daher kaum verwundern, in der Beantwortung einer strittigen Zweifelsfrage einzelne Fragmente dessen wieder zu finden, was die Kandidaten im Laufe ihres Bildungsweges als autoritative Positionen kennen gelernt haben. Unstrittig mußte es den Prüflingen auch daran gelegen sein, ihren Prüfern zu dokumentieren, über welchen Bildungsfundus sie verfügten, welche – zum Teil abwegig antiquierten – Lerninhalte sie memoriert hatten.

An solcherlei „Gebrauchstexte“, deren vorrangige Funktion in der Erfüllung von Lernvorgaben lag, dürfen natürlich nicht ausschließlich schöngeistige Bewertungsmaßstäbe angelegt werden. Selbst wenn die Komposition der elaborierten Reimprosa höchsten Ansprüchen genügte, war sie doch in der letzten Konsequenz nicht für Liebhaber der Sprache, sondern für Prüfer von Beamtenexamen verfaßt; deren Bewertungskriterium mußte sich zwangsläufig von einer rein schöngeistigen Betrachtung unterscheiden und die funktionale Anwendbarkeit der Entscheidungen eigens berücksichtigen. Jede kritische Neubewertung der Literaturgattung pan kann daher nur unter Einschluß der spezifischen Entstehungsbedingungen gelingen.

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10. ABBRUCH DER MITARBEIT

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Bedingt durch die Schwere meiner Behinderung, war ich dazu gezwungen, zum Sommer 2002 meine Mitarbeit an dem Forschungsprojekt vorzeitig abzubrechen: Nachdem ich arbeitsunfähig geworden bin, mußte ich jegliche Forschung in der Sinologie einstellen.
 



 

ANMERKUNGEN 

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ZEICHENGLOSSAR 

pan
xuan
Du You
yan
shu
kaishu
you chang
li
Wenxuan
Xiao Tong 
Dong Gao
Quan Tangwen
Wenyuan yinghua
Li Fang
tiejing
tiewen
Longjin fengsui pan
Zhang Zhuo
jinshi 
Baidao pan
qingqian xueshi
Xin Tangshu
Songshi
Zhao Kuang
Mei Boqin
Wu Zongguo
He Zhongli
Takikawa Masajirô
Ichihara Kôkichi
Nunome Chôfû
Ôno Hitoshi
pianwen 
Zhang Jiuling
Xianqing 
Liu Xiangdao
Li
Lao Dan
Daode jing
Chongxuan xue
daoju
mingjing
ling
ge
shi
fajia

 

 

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XXVIII. Deutscher Orientalistentag
Bamberg, 26.–30. März 2001:
  Vortragsmanuskript

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MEHR ALS BÜCHERWISSEN: ALLGEMEINWISSEN IN „ENTSCHEIDUNGEN“ (PAN) DER TANG-ZEIT

 DIE AUSGANGSFRAGEN

Der heutige Stand der Forschung bietet noch immer höchst unzureichende Angaben, welche Amtsgeschäfte zur Tang-Zeit in den Aufgabenbereich eines durchschnittlichen Beamten fielen. Auch ist noch ungewiss, welche Qualifikationen einen Beamtenanwärter überhaupt dazu befähigten, sowohl auf Kreis- als auch auf Provinzebene (ebenso in einem kleinen Dorf wie auch in der Hauptstadt), im militärischen wie auch zivilen Kontext, seine Dienstpflichten zu erfüllen: offensichtlich waren die Beamtenprüfungen aber dazu angelegt, unter den Bewerbern die Kandidaten heraus zu filtern, die sich in all diesen Aufgabenbereichen sicher bewegen konnten.

So bleibt zu fragen, wie ein Grundwiderspruch aufzulösen ist:

 

  • Auf der einen Seite deuten die historischen Fakten darauf hin, dass die Beamten der Tang-Zeit sehr effizient arbeitende Generalisten waren – wie sonst wären sie in der Lage gewesen, das Weltreich der Tang aufzubauen und abwechselnd in ganz unterschiedlichen Aufgabenbereichen erfolgreich ihre Amtspflichten zu erfüllen
  •  

  • Auf der anderen Seite suggeriert uns ein Großteil der gegenwärtigen Forschungsliteratur, die Beamten der Tang-Zeit seien in erster Linie schöngeistige Gelehrte gewesen, die zwar artifiziell gedrechselte Verse schmieden und kanonische Klassiker mit fotografischem Gedächtnis auswendig aufsagen konnten – über welche Qualifikationen ein Beamtenanwärter aber sonst noch verfügen musste, bleibt weitgehend im Dunkel
  •  

Es ist völlig klar, dass unser Bild von den wirklichkeitsfernen Beamtengelehrten unseren Zugang zu dem Wissen der damaligen Gelehrten eher behindert als gefördert hat. Genau an dieser Stelle setzt die Beschäftigung mit der als „Entscheidungen“ bezeichneten Prüfungsform der pan an. Bei diesen Prüfungen ging es darum, dass die Kandidaten Zweifelsfragen beantworten sollten, die in direktem Bezug zu den ganz alltäglichen Amtspflichten eines Beamten standen. Eine Analyse der sehr umfangreich überlieferten Prüfungstexte verspricht auf der einen Seite etwas über den Argumentationsstil der damaligen Zeit zu erfahren; auf der anderen Seite erfahren wir aus dem Material aber auch – indirekt – etwas über den Amtsalltag Tang-zeitlicher Beamter.

VERSCHIEDENE THEMENSTELLUNGEN

Die nachfolgenden Bemerkungen sollen einige Fragestellungen präsentieren, die von Examenskandidaten entschieden werden mussten. Die hierbei skizzierten Themenstellungen lassen bereits erahnen, dass ihre Behandlung weniger Fachwissen, Spezialkenntnisse in kanonischen Schriften oder Klassikerexegesen erforderten, sondern vielmehr auf ein profundes „Allgemeinwissen“ ausgerichtet war. Mit „Allgemeinwissen“ möchte ich ganz allgemein die Urteilsfähigkeit der Examenskandidaten bezeichnen, die auf die verschiedensten Fragestellungen in literarisch brillanter Form Stellung beziehen konnten: die Prüfungen verlangten, dass sich die Beamtenanwärter auf allen Gebieten auskannten; selbst bei den banalsten Fällen mussten sie es verstehen, urteilsfähig zu sein. Die nachfolgenden Beispiele sind alle den konkreten Fragestellungen in Bo Juyis Pan-Sammlung (cf. Bo Juyi ji, 4 Bde. – 5. Aufl. – Beijing: Zhonghua, 1996, Bd. 4, S. 1378–1423) entnommen.

FRAGEN ZUM RECHTSSYSTEM

Das Wort „Entscheidungen“ stammt aus der Sphäre des Rechtswesens. Auch in regulären Strafprozessen wurden die Urteile als pan bezeichnet. Die „Entscheidungen“ sind aber keine juristischen, mit Paragraphen durchsetzen Expertisen. Die Fragestellungen, die sich in pan auf das Rechtssystem beziehen, sind meist recht verblüffende Fallbeschreibungen, die überdies niemals juristisch entschieden werden. Verblüffend sind diese Zweifelsfälle insofern, als sie Sachverhalte aufgreifen, die sich in der Grauzone von Bagatelldelikten bewegen oder aber gesellschaftliche Grundübel ansprechen.

Wer hätte beispielsweise erwartet, dass ein Examenskandidat die Strafmündigkeit eines betrunkenen Dieners bezweifelt, der sich im volltrunkenen Zustand auf dem Sitzkissen seines Herren erbricht (20B)? Hier erscheint es weniger verblüffend, dass in dem Streitfall auf Straffreiheit des betrunkenen Dieners plädiert wird, als dass sich die Prüfer ausgerechnet dieses unbedeutende Ereignis ausgewählt haben, um die Urteilsfähigkeit des Kandidaten zu prüfen.
Naheliegender ist da schon das Problem der Verdunkelungsgefahr, die bei Mitbürgern entsteht, die sich sonderbar verhalten: Durchschwimmt ein Mann bei widrigem Wetter einen Fluss, muss er damit rechnen, auf Verdacht als flüchtiger Straftäter verhaftet zu werden (18B). Allerdings ist es nicht ungewöhnlich, wenn ein Delinquent nach seiner Verurteilung wegen der Meriten seines Vaters um Strafverschonung bittet (25B). Verübt ein Beamter im Amt juristisches Fehlverhalten, kann er auch von Kollegen mit niedrigerem Dienstgrat bei höheren Instanzen angezeigt werden (26B).
Ein sehr sensibler Bereich, der in den Examensaufgaben wiederholt thematisiert wird, ist der korrekte Umgang mit Druckerzeugnissen. Ein kritischer Bereich war natürlich die Herausgabe von Schriften des Kaisers. Es bedurfte keinerlei Verweise auf klassische Vorbilder, um die unerlaubte Weitergabe kaiserlicher Erlasse als eine Straftat anzuprangern (27B). Aber auch die verzögerte Herausgabe kaiserlicher Edikte wird in den „Entscheidungen“ als Frevel geahndet (28B). Schon der rechtswidrige Kauf von Druckmaterialien galt als Verbrechen (29B).
In den Examen wurde überprüft, ob die Kandidaten die Verfahren kannten, die ein Beamter beachten musste, wollte er um die Revision eines eigenen Urteils bitten (27A). In diesem Zusammenhang mussten die Prüflinge auch über das Für und Wider einer Selbstanzeige bei nachträglich erkannter Rechtsbeugung entscheiden (39A).
Am interessantesten sind die juristischen Zweifelsfragen, die Themen berühren, für die es keine eindeutigen Paragraphen gibt und die daher nur nach dem ungeschriebenen allgemeinen Rechtsempfinden beantwortet werden können. Bittet ein erkrankter Häftling während der Haft um Pflege durch seine Frau, ist es schon eine Ermessensfrage, ob ihm diese Bitte gewährt wird oder nicht (40A).
Unzweifelhafter ist da schon die Einhaltung der nächtlichen Ausgangssperren: Geht ein Mann zur Sperrstunde auf die Straße, muss er damit rechnen, dass er verhaftet wird (44A); eben so ergeht es jemanden, der zur nächtlichen Stunde die Stadttore überschreitet (49A).
Es stand aber auch zur Entscheidung, ob es zur präventiven Verhaftung einer Person kommen sollte, die sich auffällig benimmt (4B). Immerhin war es für Bo Juyi nicht weiter verwunderlich, wenn ein Delinquent nach vollständig verbüßter Haft noch einmal aufgegriffen wurde, weil jemand seinerzeit bei der Gerichtsverhandlung Zeuge der Verurteilung des Straftäters gewesen ist (17B).
Zur Beantwortung all dieser Zweifelsfragen werden weniger Anleihen aus den kanonischen Schriften als Verweise auf ungeschriebene, allgemein anerkannte Rechtsauffassungen der damaligen Zeit bemüht. Dabei muss eigens betont werden, dass an keiner Stelle das elaborierte Gesetzbuch der Tang (Tanglü shuyi) zitiert wird, das für einige der erwähnten Straftaten durchaus zutreffende Verordnungen enthält. Die Beamtenanwärter mussten also mit Hilfe ihres Allgemeinwissens eine in sich schlüssige Begründung ihrer Entscheidungen liefern, die das allgemeine Rechtsempfinden treffen konnte. Sie durften sich nicht mit dem mechanischen Zitieren anerkannter klassischer Sentenzen begnügen, sondern waren dazu aufgefordert, eigene Urteile argumentativ zu vertreten.

FRAGEN ZUM ÖFFENTLICHEN RECHT

Eine Reihe von Prüfungsfragen thematisieren Schwierigkeiten, mit denen ein Regierungsbeamter konfrontiert werden konnte und verraten einiges über den Wirkungskreis damaliger Regierungsangestellter. So erfahren wir, dass ein Kreisbeamter nicht nach Gutdünken willkürlich über die von ihm regierte Bevölkerung verfügen durfte; es war nicht gerne gesehen, wenn er seinen Untergebenen unnötige Arbeitsaufträge aufbürdete (2B). Auf der anderen Seite wird in den Prüfungsfragen auch das Bild des standhaften Staatsdieners entworfen, der es auch wagt, unpopuläre Entscheidungen durchzusetzen: selbstbewusst weigert er sich, winterliche Flutschäden übereilt zu reparieren, solange die niedrigen Temperaturen noch Folgeschäden erwarten lassen (5B).

Von einem Amtsinhaber wird verlangt, dass er die mangelnde Vorratshaltung seiner Amtsvorgänger kritisiert und Versäumnisse häheren Dienststellen meldet (15B). Verschiedene Fragen deuten darauf hin, dass sich ein Kandidat der Gefahren bewusst sein musste, die auf einen Beamten lauern, der sich seine Freunde zu bedenkenlos wählt: es bedarf keiner klassischen Bildung, um sich den Vorwurf der Korruption vorzustellen, den einen hohen Beamten ereilen kann, der völlig ohne böse Absicht Freundschaft zu einem Lagerhausverwalter hält (42B).
Auch wenn es darum geht, das Verhalten eines Präfekten zu kritisieren, der von seinen Untergebenen verlangt, Frauen nachzustellen, kommt die Entrüstung ganz ohne Verweise auf das kanonische Erbe aus (43B): In solcherlei Fragen reicht schon die Reproduktion überkommener Moralvorstellungen aus, die stringente Argumentation zu entwickeln.

FRAGEN ZUM PRIVATRECHT

Es ist sehr interessant zu sehen, wie sich die Examenskandidaten mit Themenstellungen auseinandersetzen müssen, in denen die Beziehungen der einfachen Bevölkerung untereinander verhandelt werden. Daraus ergibt sich die Annahme, dass es zum Aufgabenbereich damaliger Beamter gehört haben muss, Auseinandersetzungen zu schlichten, die nach dem heutigen Sprachgebrauch als Fälle des Privatrechts bezeichnet würden.

Einen relativ großen Raum nimmt die Klärung von Streitigkeiten zwischen Eheleuten ein. Nachdem eine Frau vor ihrem Mann weggelaufen ist, der sie schlecht behandelt hat, wurde sie straffällig. Nun stellt sich dem Prüfling die Frage, wer die größere Schuld hat, der Mann, der seine Frau schlecht behandelt hat, oder die Frau, die aus der Not heraus stehlen ging (1A).
Wiederholt werden die Männer als ziemlich herzlosen Gesellen dargestellt. Ein Mann spielt Musik während seine Frau über den Tod eines Angehörigen trauert (22A). Einem anderen reicht es aus, dass seine Frau einen Hund fortjagt, um sich von ihr scheiden lassen zu wollen (36A). Es kommt schon zu einer Geduldsprobe für den Mann, wenn die Ehefrau ihrem eigenen Vater das Essen gibt, dass eigentlich für ihren arbeitenden Ehemann bestimmt war (51A).
Frauen werden aber nicht nur als hilflose Opfer dargestellt. Sie erheben auch Klage gegen ihren Mann, wenn dieser sie grundlos verstoßen will (9B). Mitunter ist es die Kinderlosigkeit, die natürlich der Frau angelastet wird, weswegen eine Ehe nach einigen Jahren gelöst wird (22B). In den „Entscheidungen“ des Bo Juyi fehlt es aber auch nicht an Frauen, die alles andere als arme Opferlämmer sind: so findet sich auch ein Mann, dessen Fall von einem Beamten verhandelt werden soll, weil seine Frau ihn mit einem Bambusprügel verdroschen hat – auch wenn nicht er selbst, sondern ein Nachbar, Klage gegen die Frau erhoben hat (39B).
Das Familienleben wird nicht als Idylle dargestellt. Wir erfahren von Brüdern, die wegen eines Ackers miteinander in schlimmen Streit geraten sind (7A). Ein Mann bekommt Schwierigkeiten, weil er nicht die Person tötete, der sein älterer Bruder Blutrache geschworen hat (19A). Auf der anderen Seite höheren wir aber auch von einem Sohn, der aus Rücksicht auf seinen betagten Vater eine Beamtenkarriere ausschlägt (23A).
Eine sichere Quelle für ein Zerwürfnis zweier Familien sind Verlobungsfeiern. Nach dem die Verlobungsgeschenke ausgetauscht sind, sollte eine Verlobung nicht mehr aufgehoben werden – sonst kommt es zu einem Rechtsstreit (30A). Sind nämlich die Verlobungsgeschenke schon ausgetauscht, wird die Familie, die bei der Trennung ausgeschlossen wurde, ihre Gaben zurückfordern (50A). Die Familie, deren Angehöriger bei der annulierten Verlobung seine Braut oder seinen Bräutigam verloren hat, wird verständlicher Weise zu einem erbitterten Kläger um die Verlobungsgeschenke (41B).

FRAGEN ZUM MILITÄRWESEN

Schon lange wissen wir, daß erfolgreiche Prüfungskandidaten sowohl im zivilen als auch im militärischen Sektor eingesetzt wurden. Bei genauerer überprüfung der Fragestellungen, mit denen sich die angehenden Beamten auseinandersetzen mussten, gerät das Bild vom realitätsfernen Schöngeist ins wanken: offensichtlich gehörte es zum Basiswissen eines jeden Beamtenanwärters, auch zu militärischen Angelegenheiten Stellung beziehen zu können.

So sollten beispielsweise auch die folgenden Zweifelsfragen entschieden werden:

  • Können Schriftgelehrte zu Militärkommandeuren ernannt werden? (8A)
  • Welche Trinksitten muss ein Kommandeur gegenüber seinen Untergeben beachten? (20A)
  • Welche Riten muss ein Militärkommandeur bei der Übernahme seiner Befehlsgewalt befolgen? (28A)
  • Warum muss ein Offizier kritisiert werden, der seine Versetzung zu den Grenztruppen beklagt? (33A)
  • Wann muss ein Militär wegen Befehlsüberschreitung kritisiert werden? (37A)
  • Ist es rechtmäßig, wenn ein erkrankter Kommandeur Medizin gegen seine Krankheit vom Feind annimmt (6B)
  • Unter welchen Umständen muss ein Kommandeur kritisiert werden, dessen Soldaten Übergriffe an der Zivilbevölkerung begangen haben? (7B)
  • Welche Dienstpflichten haben Soldaten, die sich in Friedenszeiten innerhalb ihrer Kaserne befinden? (19B)
  • Ist es rechtens, wenn ein Kommandant seinen Soldaten verbietet, auf den Straßen Ackerbau zu betreiben? (43B)

 

Diese Themenstellungen können von allein schöngeistig gebildeten Gelehrten nicht beantwortet werden. Auch der virtuose Umgang mit Klassikerzitaten ist bei diesen sehr auf die konkrete Praxis der Militärführung ausgerichteten Problemen wenig hilfreich. In den Antworten begegnen wir einer Bildung, die weit über die literarische Sphäre hinausweist.

ARGUMENTATIONSFORMEN

Es wird unmittelbar verständlich, dass die hier vorgestellten Fragestellungen durch einen Verweis auf das Lunyu oder Zuozhuan nicht erschöpfend beantwortet werden können. Tatsächlich erfolgt die Beantwortung solcherlei Fragen eher unter Rückgriff auf konventionelles Allgemeinwissen, beziehungsweise unter Verweis auf die Communis opinio.

ähnlich verhält es sich mit den Fall des Dorfältesten, der nicht den Pachtzins seiner Familie bezahlt (29A); dem Wahrsager, der sich weigert, einem Mann die Zukunft vorherzusagen (31A); oder den beiden konkurrierenden Geschäftsleuten der gleichen Profession, die sich gegenseitig vorwerfen, habsüchtig zu sein (48A). Die Klärung dieser Streitfälle ergibt sich nicht durch die Anwendung relevanter Gesetzesregelungen oder Klassikerstellen, sondern ausschließlich unter Bezug auf das allgemeine Rechtsempfinden.
Zur Schlichtung der Streitigkeit zweier Bauern, die wegen eines Weideunfalls aneinander geraten sind, bei dem das Rind des einen das Pferd des anderen umgebracht hat, sind Klassikerzitate wenig hilfreich. Auch die Frage, ob es für einen ehrfurchtsvollen Sohn folgsam ist, den letzten Wunsch seines sterbenden Vaters nicht zu erfüllen, dessen Lieblingsnebenfrau mit dem Vater zusammen – lebendig – zu begraben, läst sich nicht allein durch Rekurs auf kanonische Schriften (50B).
Bei einzelnen Prüfungsfragen fehlt es bei der Beantwortung gänzlich an Vorbildern in kanonischen Schriften, um das Problem zu lösen: wenn beispielsweise gefragt wird, wem bei einem Giftmord in einem Rasthof die Schuld anzulasten ist, kommt sich der Leser wie in einem fiktiven Kriminalstück vor (24A):

 

  • Ist nun der Gastwirt zu verurteilen, der dem Gast vergiftetes Fleisch serviert hat?

  • Ist der Koch schuld, der vergiftetes Essen zubereitet hat?

  • Oder ist der Fleischhändler zur Verantwortung zu ziehen, der vergiftetes Fleisch angeliefert hat?

 

Um diese Streitfälle zu klären, brauchten die Kandidaten schon mehr als gewöhnliches Bücherwissen: dem heutigen Betrachter eröffnet sich eine neue Sichtweise auf das Wissen, dass einen Prüfling zu einem erfolgreichen Examenskandidat gemacht hat.

 


 

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